Zurück auf die Hauptstrassen

Glosse – Wer nicht aus eigener Kraft pedalt, kriegt auf der Alp warmes Bier.

Noch sind es 300 Höhenmeter bis zum Hochwachtturm des Zürcher Pfannenstiels, als sich der erste Angreifer anpirscht. Nach einem «Achtung, Pardon, Merci» summt der Mittsechziger auf seinem E-Bike vorbei. Grinsend und frei von Schweissperlen lässt der Herr uns Wanderer in einer Blütenstaubwolke zurück. Uns, die wir einzig mit Körperkraft den Wanderweg hochsteigen.

Knapp 90 000 dieser Möchtegernvelos wurden im vergangenen Jahr in der Schweiz verkauft – Rekord. Besonders Pensionierte satteln um. Dabei werden die E-Biker von Jahr zu Jahr mutiger. Beschränkten sie sich erst auf Städte und Überlandstrassen, führen sie ihre Batteriegefährte nun auf entlegene Wanderwege hinaus. Immer schwatzend, nie schwitzend belästigen sie hier mit ihren angedeuteten Pedaltritten die wahren Ausdauersportler.

Verstehen Sie mich richtig: E-Bikes sind – wie Rolltreppen und Rollatoren – eine geniale Entwicklung, mit deren Hilfe Menschen mit Handicaps besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Aber Erklärungen wie «keine Zeit zum Trainieren» oder «keine Lust auf Anstrengung» gehören nicht zu diesen Handicaps, die berechtigen würden, über abgelegene Steinwege zu rasen und sich dann zu rühmen, die Zweitagestour in halber Zeit geschafft zu haben.

So weit wie gewisse Walliser und Bündner, die Äste auf Wanderwege schleppen, um E-Biker zu bremsen, brauchen wir nicht zu gehen. Und doch sollten wir diese Rennmaschinen zurück in ihr natürliches Habitat drängen. Auf die Hauptstrassen. Zu ihresgleichen. Mit Kennzeichen, am liebsten warnrot.

Ansonsten gibt es wohl nur noch einen Weg, den Gott der Fitness zu besänftigen: E-Gipfelstürmer erhalten künftig in der Alpenbeiz bloss noch lauwarmes, alkoholfreies Bier und staubige Guetsli – ein Abbild ihrer sportlichen Leistung.

Eine Version dieser Glosse erschien im Tages-Anzeiger.

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