Nacht der Angst

Bei Tage ist es kinderleicht, die Dinge nüchtern und unsentimental zu sehen. Nachts ist das eine ganz andere Geschichte. – Ernest Hemingway

 

Sunset

Photo: Sarah Fluck

Ich werde es nie vergessen, dieses erste Eindämmern im “Mowgli-Dschungel“ der Demokratischen Republik Kongo – zu schön war der Sonnenuntergang. Schon früh und schnell erlag ich den Eindrücken des Tages und döste unter meinem Moskitonetz ein – begleitet vom  Zirpen der Grillen und den gleichmässigen Schritten der Wächter.

Etwas mehr als eine Stunde später rissen mich Schreie und Gebrüll aus dem Schlaf. Ich war überzeugt, dass die Rebellen über die ich von meiner Reise so viel gelesen hatte, vor dem Zugangstor standen und nur noch wenige Minuten zwischen mir und meinem sicheren Tod lagen. Getrieben von einem nie zuvor erlebten Adrenalinschub versuchte ich Überlebenstipps abzurufen und, bewaffnet mit einem guten alten Schweizer Taschenmesser, nach einem geeigneten Versteck Ausschau zu halten. Der kahle Raum gab nicht viel her. Ich verkroch mich, wie brav im Survival-Kurs gelernt, unter dem Bett.

Nichts geschah. Die Stimmen diskutierten draussen erregt weiter. Angespanntes Horchen. Dann die Schritte der Wächter, wie gewohnt in Begleitung von Radiomusik, kamen näher. Aber wenn die Wachposten so gelassen ihre Runden zogen, standen wohl kaum Aufständische vor der Zufahrt. Beschämt kroch ich wieder unter den Latten hervor.

An Schlaf war nicht zu denken, zu tief noch sass der Schock. Jedoch machte sich ein nicht mehr zu ignorierender Durst bemerkbar. Dreimal tief durchgeatmet – meine Yogalehrerin wäre stolz gewesen – schlich ich mich im Dunkeln durch das Wohnzimmer Richtung Küche. Ich wollte gerade die Türklinke nach unten drücken, als eine tiefe Männerstimme rief: „Bonjour“. Ein Schrei entwich mir und ich liess meine Taschenlampe die Gegend durchforsten. Aber da war niemand. Auch auf mein zittriges „Salut“ kam auch nichts mehr zurück.

Ich hatte genug und kehrte, weiterhin lechzend nach Wasser, in mein Zimmer zurück. Eine Stunde Amélie-Soundtrack brachte mich dem Land der Träume wieder ein bisschen näher.

Die Lachtränen kugelten nur so als ich Mama Chouchou und ihren drei Cousinen am nächsten Morgen die Ereignisse der Nacht schilderte. Immer noch kichernd nahm mich Mama an der Hand und zerrte mich zu einem grauen Papageienkäfig in dem sich Kakadu “Loulou” tummelte, der weiterhin nicht sparsam war mit seinem krächzenden „Bonjour – Comment ça va, comment ça va?“.

Die nächtliche Schreie drehten sich im übrigen um ein entlaufenes Huhn, das in der ganze Nachbarschaft verzweifelt gesucht wurde.

Be first to comment