Gegen sexuelle Gewalt: Ein Arzt für die schlimmsten Wunden des Kongo

Der Friedensnobelpreis geht an Nadia Murad und Denis Mukwege. Der kongolesische Gynäkologe hilft in seiner Heimat Vergewaltigungsopfern – allen Bedrohungen zum Trotz.

Die Strasse zum Panzi-Krankenhaus ist staubig. Entlang von Bananenbäumen schlängelt sie sich zum Stadtrand des ostkongolesischen Bukavu. Durch ein Gebiet, das zynisch als «Welthauptstadt der Vergewaltigung» bezeichnet wird. Der Mann, der weiss, was diese Bezeichnung für die betroffenen Frauen bedeutet, tigerte an jenem Morgen vor drei Jahren auf dem Vorplatz auf und ab. Mehrmals blickt Chefarzt Denis Mukwege auf die Dutzenden Frauen, die sich noch vor dem ersten Sonnenstrahl am Zaun der Klinik versammelt haben.

Seine Statur ist einem Bodybuilder gleich, unter den dunklen Augen zeichnen sich Tränensäcke ab. Als er mit dieser Zeitung von den Frauen sprach, die in den vergangenen Jahren an seine Pforte pochten, war seine Stimme ruhig. Über 50 000 waren es seit der Eröffnung des Spitals im Jahr 2008.

Er erzählt ihre Geschichten; erzählt, wie sie von Milizen, Rebellen, Soldaten geschnappt und vergewaltigt wurden; erzählt von den geschändeten Säuglingen, die noch in seinen Armen starben; erzählt von den Mädchen, denen in den Bauch geschossen wurde. Und der Gynäkologe möchte nähen, was zu nähen ist; trösten, was zu trösten ist. «Ich versuche, die verstümmelten Körperteile wiederherzustellen.» Mitunter dauert es Jahre bis zur Heilung der Wunden. Auf der Stippvisite berichtet eine Frau, was sie von «diesem Mann, der die Frauen repariert», gelernt hat: «Ich nenne mich nicht länger Opfer, sondern Überlebende.» Ein wichtiger Schritt in einer Welt, in der die Ehemänner die geschändeten Frauen selten zurücknehmen.

Gestern ist Mukwege in Oslo für seinen Einsatz mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Jury bezeichnete den heute 63-Jährigen als «Symbol im Kampf gegen sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten». Zusammen mit der Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad habe er «auf seine Weise dazu beigetragen, sexuelle Gewalt besser sichtbar zu machen, sodass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können».

Kein Märtyrer werden

Mit seinem Engagement schafft sich der tiefgläubige Arzt in seiner Heimat auch Feinde: Einen Monat nachdem er 2012 in einer Rede vor der UNO-Generalversammlung angeprangert hat, dass die Regierung zu wenig gegen Massenvergewaltigung tue, werden seine Kinder vorübergehend als Geiseln genommen. Kurz darauf dringen Schwerbewaffnete in sein Haus. Ein enger Mitarbeiter, der die Täter ablenkt, wird erschossen. Mukwege flieht nach Belgien: «Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, diese Arbeit nicht mehr fortsetzen zu können», sagt er rückblickend. Bleiben kann er nicht: Briefe von Kongolesinnen bewegen ihn drei Monate später zur Rückkehr. «Sie verkauften Obst, um mir zu helfen. Das hat mich sehr berührt.»

Diese Frauen hätten nicht einmal einen Dollar pro Tag verdient und seien trotzdem bereit gewesen, alles zu geben. Zurück in Bukavu, lebt er seither in einer mit Stacheldraht gesicherten Anlage; steht unter Personenschutz von UNO-Truppen. «Ich will nicht zum Märtyrer werden.»

Seine Arbeit sei eine Berufung. Als Inspirationsquelle habe Mukwege sein Vater, ein Pastor, gedient. «Er vermittelte mir die Gabe, für andere da zu sein.» Auch habe er bereits als 8-Jähriger gewusst, dass er Medizin studieren wolle. Gemeinsam hätten sie einen kranken Jungen besucht: Als Mukwege sah, dass sein Vater beten, aber keine Medikamente abgeben konnte, habe er gesagt: «Ich will Arzt werden, und du kannst weiterhin beten.»

Spital im Kriegsgebiet

Nach dem Studium arbeitet er zunächst in einem Krankenhaus im kleinen Ort Lemera. Er ist schockiert, wie viele Frauen dort bei der Geburt ihrer Kinder sterben, und fügt deshalb ein Studium der Gynäkologie in Frankreich an. Zurück in Lemera, beschliesst er, in einer eigenen Abteilung gegen die Sterblichkeit der Frauen bei der Geburt anzugehen. Doch sein Engagement findet 1996 mit dem ersten Kongokrieg ein jähes Ende. Die Stadt wird von Rebellen zerstört, das Spital wird attackiert, Patienten und Personal, die nicht fliehen können, werden umgebracht.

Es ist in dieser Zeit, dass ihm zum ersten Mal ein Vergewaltigungsopfer begegnet: «Ihr ganzes Becken war zerstört. Ich dachte, es handle sich um das Werk eines Irren, aber im selben Jahr behandelte ich noch 45 ähnliche Fälle», erinnert sich Mukwege in seiner Biografie. Zurück in Bukavu versucht er zu helfen und gründet mit internationaler Unterstützung das Panzi-Hospital. Als zwölf Jahre später die Nobelpreisgewinner verkündet werden, steht er in einem von dessen Operationssälen. «Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich bin», sagte er einer norwegischen Zeitung. Dann bricht die Verbindung ab.

Eine Version dieses Artikels erschien in den Tamedia-Zeitungen.

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