Letzte Runde mit dem Liebespoeten

Sommerserie Fahrerinnenwechsel in Neuenburg, und dannab nach Freiburg, in die berüchtigte Studentenstadt. Dorttreffen wir den Küchenpsychologen von einst.

Man braucht spätestens dann Ferien, wenn die Hand wehtut vom Whatsappen. Bevor wir aufbrechen, heben wir schnell noch, als ginge es ins Ausland, am Bahnhof Geld ab. Die Leute stehen vor dem Bancomaten wie vor einem Flipperkasten. Für unterwegs kaufen wir etwas Lesestoff beim Kiosk nebenan, aber nur was Leichtes – als Snack für den Geist.

*

Mit gezuckerten Spaghetti schlendern wir runter zum See in Neuenburg, wo die Leute liegen wie hingeworfen. Erschlagen von der Hitze. Im Blick eine Velofahrerin, bei der «Blick» auf dem Rücken steht. Als Touristinnen müssen wir aber ins Städtchen hinein. Wie ein See aussieht, gross und blau und mit Booten bestückt, wissen wir schliesslich von Zürich.

Käsehaus und käsehoch auf dem weg zum #châteaudeneuchâtel #grandtour #neuchatelville

Ein Beitrag geteilt von Das Bellevue (@bellevuegoestourist) am

Vorbei also am Maison du fromage, hoch zum Château de Neuchâtel. Wir sehen über die «toits» der Stadt, im Nacken sitzt kalter Schweiss.

*

Schlüsselübergabe. Das Auto, dieser rote Hochsitz, ist so parkiert, dass wir beim Hinausmanövrieren das Warnsignal als Jammern hören, schrill, anhaltend. Sobald wir den Kleinen beruhigt, sobald wir ihn auf die Strasse gelotst haben, wissen wir: Es geht weiter mit uns. Es geht los!

En Route #ischaubeschönwennsschönisch #grandtour #naviischfürafänger #himmugüegeli

Ein Beitrag geteilt von Das Bellevue (@bellevuegoestourist) am

*

Eine Frau Helga Senden, selbst ernannte «film freak», likt unser Bild «En route» auf Instagram.

*

Aus gewissen wachsen Tannen, andere präsentieren bemalte Holzbretter oder nutzen den Platz praktisch für ihre Strassenleuchte: die Kreisel. 23 Kunstwerke umrunden wir ehrfürchtig, fast wie die Israeliten das goldene Kalb. Die Kreiselkunst als Götzendienst der namenlosen Vororte auf der Route Neuenburg–Freiburg. Unsere lakonischen Dialoge bilden den Kontrast: «Meinen Fuss kühlt es an.» – «Ist es dir zu kalt?» – «Nein.» – «Susch seisch.» – «Klar.»

*

Das Navi-Gerät hat uns schon vor der ersten Kurve aufgegeben. So gibt einzig das Dorfschild preis, dass wir durch Düdingen fahren – einen Ort, den Kollegin Müller wiedererkennt: «Nei geil, lueg, da absolvierte ich damals meinen Verkehrskurs» – aus blassem Vorort wird bunte Erinnerung. Für die Übernachtung setzen wir auf die Schlafplatzbörse Airbnb: Unser Zuhause ist Loft, Schrägstrich Secondhand-Laden, Schrägstrich Keller. Wir wollten zu viel, werden bestraft: Hier müffelts.

Wohnen, wo andere einkaufen #airbnb #ladenlokal #müffeligaberschön #grandtour

Ein Beitrag geteilt von Das Bellevue (@bellevuegoestourist) am

*

Wer noch in Freiburg lebt, ist der Studienkollege F. von einst. Der Küchenpsychologe, der Sturm- und-Dränger, der Liebespoet. «Liebe geht so: Der eine ist das Licht und der andere die Motte, die um dieses Licht schwirrt.» Liebe funktioniere nur in diesem maximalen Gefälle. Und wird selbst zur Eintagsfliege.

*

F. ist einer der wenigen Studenten, die wir in der Studentenstadt antreffen. Die Crazy-Monday-Route, dieses Barhopping Populaire–Irish–Rock, auf das sich die Studentinnen und Studenten eingefunden haben wie auf eine Völkerwanderung, ist in den Semesterferien nur noch rauschhafte Erzählung. F. webt eifrig am Mythos, indem er behauptet, die Leute aus anderen Städten seien jeweils extra dafür nach Freiburg gekommen – mit dem Gleis 7. Im Café Populaire stellen die Kellnerinnen derweil die Stühle auf die Tische. Letzte Runde.

#Fribourg: Studentenstadt ohne Studenten. #populaire #keibier #grandtour #einsam

Ein Beitrag geteilt von Das Bellevue (@bellevuegoestourist) am

*

Eine Frau Helga Senden, selbst ernannte «music lover», likt unser Bild «Fribourg: Studentenstadt ohne Studenten» auf Instagram.

*

LiLö im Loft: Wir babbeln weiter in die Nacht. Am Morgen ziehen wir planlos umher. Unsere Stimmung ist hässlich, das Café ist hässlich, das Weissmehl-Brötchen ist hässlich: Der schnelle Durst hat gesiegt.

#Fribourg #Universität #Heimweh

Ein Beitrag geteilt von Das Bellevue (@bellevuegoestourist) am

*

An der Univorbei. Die ikonische Wölfin säugt draussen Romulus und Remus, die Alma Mater beherbergt drinnen, in ihrem Bauch, die Medizin- und Jusstudenten. Der Kaffeeautomat, der bis zum Rand gefüllte Becher auswirft, steht immer noch vor der Jusbibliothek.

*

Das Lamaschi vor uns schafft es beinahe, dass wir es nicht merken: Wir fahren gerade über die Staumauer von Rossens. Stau oben bei uns, Stau unten beim Wasser. Wir biegen bald einmal rechts ab, um in Ponnendorf ans Ufer des Lac de la Gruyère zu gelangen. Über die Steine wanken wir wie Marsmenschen ins Wasser, schwimmen aber wie Fische.

*

Gruyères ist das Disneyland der Schweiz: belebt einzig von Touristen. Wo sich dort Arielle und Mulan zuwinken, sind es hier Touristen mit Trump-roten Switzerland-Käppi, die kreischend hinter aufgestellten Holzrahmen für ihre Fotos posieren. Überall hängt der Duft von ranzigem Käse. Voyeuristisch spazieren wir an den Gruppen in Gruppenuniformen vorbei, die in der Hochsommerhitze ihre Gäbeli im Fondue tunken. Die Restaurantbetreiber demonstrieren mit ihren Menüs Toleranz: Hot Dog zu Pizza zu Raclette zu Jakobsmuscheln zu Bami Goreng. Einziger kultureller Lichtblick: die schlangenartigen Stahlmonster von HR Giger.

Die #Aliens in #Town. Feature: H.R. Giger. #grandtour #fantasticalmonsters

Ein Beitrag geteilt von Das Bellevue (@bellevuegoestourist) am

*

Eine Frau Helga Senden, die es gemäss eigenen Angaben immer «twice» klingeln lässt, likt unser Bild «Die Aliens» auf Instagram.

*

Wir müssen weiter, wir wollen das grösste Chalet der Schweiz sehen – es hat 113 Fenster und steht in Rossinière. Vielleicht kommt Helga Senden mit.

Eine Reisetagebuch mit Salome Müller.
Eine Version des Artikels erschien im Tages-Anzeiger.

Weitere Roadtrip-Geschichten: Hier und hier.

Be first to comment