Das ABC der Archivperlen

Zum Jubiläum buchstabiert der «Tages-Anzeiger» Ihnen die Zeitungsschätze vor.

 

A wie Aprilscherz
Das Verfassen des jährlichen Scherzartikels war zu Zeiten des Chefredaktors Ernst Syfrig (1953-1962) Chefsache. Zu Höchstform lief er 1955 auf: Die Schweizerische Nationalbank habe zusammen mit dem Bundesrat beschlossen, das Goldvreneli zum halben Preis anzubieten. Dies solle den schleppenden Verkauf der Münze anregen. Die Differenz zwischen Verkaufspreis und Goldwert übernehme die Staatskasse, und das Angebot sei Schweizern vorbehalten. Der Andrang an den Bankschaltern war riesig.

 

 

B wie Briefkastenonkel
Ab den 1900ern widmete sich ein sogenannter Briefkastenonkel samstags und mittwochs eine halbe Seite lang den mannigfaltigen Fragen seiner Leser-«Neffen». Wie hilfreich seine Antworten waren, weiss man nicht. So fragte beispielsweise 1919 ein Leser, wie er seinem Haarausfall beikommen könne. Der Alltagsphilosoph riet: «Dagegen hilft Einreiben der Kopfhaut mit Hundemilch.»

 

 

C wie wie Cicero
Die morgendliche Redaktionssitzung kann einem Neuling schon mal wie ein Auslandaufenthalt vorkommen: Da ist etwa die Rede von «Cicero». Aber auch Ausdrücke wie «Hurenkind» oder «Waisenkind» fallen. Es sind dies die zugegeben teils derben Ausdrücke aus der Setzer- und Druckersprache. Der «Cicero» ist ein Schriftgrad, der exakt 12 Didot-Punkte gross ist. Die Redaktoren benutzen den Begriff auch heute noch, wenn sie von einem kurzen, einspaltigen Text sprechen. Die beiden «Kinder» beziehen sich auf unästhetische Schriftsatzfehler, die den Leserhythmus stören.

 

 

D wie Dunkelkammer
Vor der Zeit der Digitalfotografie hatten die TA-Sportfotografen an den entsprechenden Grossanlässen die grösste Mühe, ein Hotelzimmer zu bekommen. Zu oft neigten sie dazu, das Hotelbad dank seiner fehlenden Fenster zur Dunkelkammer umfunktionieren, um die Bilder schneller entwickeln zu können.

 

 

E wie Ente
Gemeint ist die Zeitungsente – also Falschmeldungen, die sich im hektischen Tagesgeschäft leider auch in den TA schmuggeln können: So beispielsweise 1997, als wir gewusst haben wollten, dass im Ochotskischen Meer eine Kuh vom Himmel gefallen sei, die beim Aufprall ein japanisches Fischerboot versenkt habe.

 

 

F wie Frauenrundschau
In den 20er-Jahren widmete der TA dem weiblichen Geschlecht jeden Samstag eine Seite. In der ersten Ausgabe gab es Tipps, wie man Winterzwiebeln aufbewahren soll und wo man Seidentücher findet. Auch ein Aufruf zum «Schutz des Mädchennamens» ist zu finden. Darin findet sich das Zitat einer US-Frauenrechtlerin: «Mein Name ist das Sinnbild meiner Persönlichkeit, und ich werde ihn unter keinen Umständen aufgeben.»

 

 

G wie Gadgets
In den Anfängen des TA schickten die Korrespondenten ihre Texte noch per Briefpost an die Redaktion. Doch glücklicherweise kamen Gadgets auf den Markt, die das Leben erleichterten – und auf diese war man stolz. In der 75-Jahre-Jubiläumsausgabe wurde von einem ominösen Ticker-Raum berichtet, in den Nachrichten übermittelt wurden. Ein Redaktor erklärte: Wenn das Tick-Geräusch zu hören sei, «ruft dieses das Ticker-Fräulein mit der langschenkligen Schere herbei, das die endlose Papierschlange in handliche Stückchen schneidet». Sein Stolz wurde einzig übertrumpft von der Haus-Rohrpost, durch welche Manuskripte geschickt wurden.

 

Foto: TA-Archiv

 

H wie Haschisch
Der Tagi war seiner Zeit schon 1893 weit voraus. So pries er den freien Verkauf von Drogen an – allerdings nicht im redaktionellen Teil. «Haschisch ist das einzige sicher und schmerzlos wirkende Mittel der Welt gegen Hornhaut und Hühneraugen. Erfunden von O. Karrer, Apotheker, Zürich» war da zu lesen.

 

 

I wie Inkorrekt
Seine Fehler bekennt der TA in einem sogenannten «Korrigendum». Dort entschuldigten wir uns beispielsweise, als wir das abstrakte Bild des Malers Spescha «von den Füssen auf den Kopf gestellt haben». Das Bild war auch das Problem in einem Artikel mit dem Titel «Im Allgäu erblinden Gemsen». Es zeigte gemäss Unterschrift eine Gemse – doch weshalb hatte diese Hörner? Nach zahlreichen Leserbriefen erfolgte zwei Tage später die Korrektur mit dem Titel «Bock geschossen» – statt einer Gemse habe man einen Steinbock abgebildet. Tags darauf musste man erneut berichtigen: «Die Gemse war ein Mufflon.»

 

 

J wie Jugendbeilage
«Warum hat der TA keine Seite für die Jugend?», seien die Redaktoren immer wieder gefragt worden. Deshalb gaben sie 1957 ihrem Publikum «vom 12. Lebensjahr an» eine eigene Samstagsseite. Zum Namen der Seite gab es einen Wettbewerb. Es gewann «Euse Tagi», der Vorschläge wie «Atom-Jugend» und «Züri­hegel» hinter sich liess.

 

 

K wie Karikaturen
Es gab sie schon früh im TA – doch fehlte ihnen noch die politische Zuspitzung, wie das erste Beispiel von 1904 zeigt:

 

Foto: TA-Archiv

 

L wie Leserbriefspalte
Der TA erregte bei seiner Gründung auch deshalb Aufsehen, weil er als erste Zeitung seine Leserschaft einlud, sich zu Themen zu äussern, die sie beschäftigten. Die Leserbriefe bezogen sich vorzugsweise auf Banales. Leserin A. B. aus Zürich etwa freute sich 1939 darüber, dass in der Stadt selten gehupt werde. Ihre Welt wäre in Ordnung, wenn da bloss das Tram nicht wäre: «Warum ist das überflüssige Läuten beim Abfahren von einer Haltestelle noch nicht untersagt worden?»

 

 

M wie Moral
Das sittliche Empfinden war immer wieder Thema im TA: 1924 beklagte die Kirchenpflege Wiedikon den Zerfall der religiösen Sitten. Die Rede war von Zeitgenossen, die sich nicht um Gott kümmerten, und einer selbstverliebten Jugend, die dem Materialismus ausgeliefert sei. Anlass zum Ärger bot öfters auch die Mode: So beschwerte sich ein Redaktor 1939 über «den kurzen Rock, der noch knapp übers Knie käme». 1954 machten dann die «wilden Weiber von Borneo» Schlagzeilen. Also die Shorts tragenden Gattinnen von europäischen Beamten.

 

 

N wie Neuigkeit
Dem TA ist daran gelegen, seine Leserschaft auf die neusten Trends vorzubereiten. Dies zeigt auch dieses Beispiel von 1906: Der Engländer Karl Schwaab präsentierte seinen aufblasbaren Schwimmrock, der «einen erwachsenen Menschen beliebige Zeit in stehender Stellung übers Wasser trägt».

 

Foto: TA-Archiv

 

O wie Ohrwurm
Einer, der unserer Volksmusik, dem Ländler, in den 1930er zum Durchbruch verhalf, war «Stocker Sepp». Doch der Schwyzer begann seine berufliche Karrier nicht hinter der Klarinette, sondern als Schriftsetzer beim TA. Seine Musik erklang zunächst nur nebenbei. Doch bald tourte seine «Unterwalder Bauernkapelle» durchs Niederdorf. Sepps Leben endete 1949 tragisch, doch sein Ohrwurm «Zürich wackelt» überlebte.

 

 

P wie Panther
Es war im Oktober 1933, als Zürich verzweifelt nach dem Pantherweibchen «Suma» suchte, das aus dem Zoo ausgebüxt war. Schulen wurden geschlossen, Spaziergänger blieben zu Hause. Mitte Januar 1934 war das Geheimnis gelüftet: «Der schwarze Panther ist gebraten worden!», titelte der Tagi etwas gar unzimperlich. Ausgerechnet ein St. Gallischer Taglöhner hatte das Tier bei einer Scheune entdeckt und erschossen. Als Finderlohn erhielt er 200 Franken – und eine Busse wegen Wilderei.

 

 

Q wie Quantum
Die erste TA-Ausgabe von 1893 geriet bunt. Im Lokalteil sticht ein sechszeiliger Artikel über den Salvatorabend in den Trinkhallen zum «Kropf» hervor: Die Berichterstatter rapportierten, dass «unheimlich viel getrunken» wurde und der Wirt rückwirkend seinen Sinnen kaum traute: «Als wir ihn über das ausgeschenkte Quantum interviewten, schwieg er sich wohlweislich aus – wohl aus Furcht vor der Steuerkommission».

 

 

R wie Reportage
Sie ist der Traum jedes Jungjournalisten: die Auslandreportage. Öfter als an die Enden Afrikas zieht es den Reporter aber an die Fronten des Lokaljournalismus. Hier sucht man das Spezielle im Altbekannten – nicht selten mit Ironie, wie ein Beispiel von 1963 zeigt: «Die diesjährige Seegfrörni ist nicht, wie man aus dem Verhalten der Zürcher hätte schliessen können, die erste – aber sie war mit den meisten polizeilichen Verboten verbunden.»

 

Foto: TA-Archiv

 

S wie Sprachstil
Gerade die Inserate im TA, die in den ersten Jahren die Zeitung füllten, geben Einblick in den blumigen Sprachstil der Gründerzeit. Ein Beispiel: «Prima Spekulations-Objekt für Kapitalisten und Bauunternehmer» – wobei weniger ein Verfechter des Kapitalismus als ein Investor gesucht wurde.

 

 

T wie Traumpartner
Auch die Partnerwahl unterstützt der TA seit seinen Anfängen. Im Vergleich zu heute fällt auf, dass die Heiratswilligen die gewünschten Vermögensverhältnisse offenlegten:

 

Foto: TA-Archiv

 

U wie Ulk
Ein Witz gehörte ab der ersten Ausgabe ins Zeitungsrepetoire. Hier das erste Beispiel: Unteroffizier: «Weshalb darf der Soldat nie den Kopf verlieren?» Rekrut (nach Pause): «Weil – weil sonst ein Helm zu viel wäre, Herr Unteroffizier.»

 

 

V wie Verbrecher
… und zwar dümmer, als die Polizei erlaubt. Diese stellt Polizeireporter Stefan Hohler seit 2006 jährlich zusammen. Zeit für die Krönung des Dümmsten der Dummen: Die Medaille geht an einen Chauffeur, der Benzin von einem parkierten Wagen in einer Tiefgarage stehlen wollte. Dazu bohrte er ein Loch in den Tank. Dieses wollte er nach dem Abzapfen mit Papier stopfen. Um besser sehen zu können, knipste er sein Feuerzeug an. Resultat: ein vollständig ausgebrannter Wagen und eine beschädigte Hausfassade.

 

 

W wie Weisheitskörner
Die Einzeiler gehörten von Beginn weg zum festen Bestandteil des TA. Prophetisch stand da im ersten Blatt: «Frisch gewagt ist halb gewonnen.»

 

 

X wie X-Wing
Sie wissen schon: Der Raumschiffjäger aus dem «Star Wars»-Universum. Wochen vor dem Schweizer Kinostart im Dezember 1977 ist die Zeitung voll mit Werbeinseraten für den «Krieg der Sterne». Unseren Filmredaktor hingegen mochte George Lucas mit seiner «geistig eher substanzlosen Science-Fiction» nicht vollends zu überzeugen.

 

 

Y wie Young Boys
Sie schlichen sich ab den 1900ern hin und wieder in die letzte Seite der Zeitung: die Sportnachrichten. Ihre Bedeutung änderte sich spätestens 1963, als die «Sieger des Tages» auf der Front angekündigt wurden – damals eine Zeitungsrevolution. Die Young Boys finden sich im Februar 1905 erstmals im Blatt, als sie ein 4:4 gegen den FC Basel I spielten.

 

 

Z wie Zeitbilder
1904 ist die Bebilderung einer Tageszeitung technisch noch knifflig. Der Tagi lancierte deshalb die samstags erscheinende Beilage «Zeitbilder», welche die «Zeit im Bilde» vorstellt. Und da er seiner Zeit voraus war, machte ein Büsibild den Auftakt:

 

Foto: TA-Archiv

Eine Version des Artikels erschien im Tages-Anzeiger

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