Kurze Kreativübung: Mein Handy und ich

Du bist unter mir, weckst mich. Ich nehme dich zur Morgentoilette, entnehme dir auf dem Weg die Schlagzeilen der Nacht. Du zeigst, welche Zähne ich putzen soll und mit welcher Stärke der Nordwind durch die Nachbarschaft weht. Bevor ich die Haustüre schliesse, greife ich nach dir. Überprüfe, ob deine Hülle, dein Kabel eingepackt sind. Will nichts missen; will dich am Leben erhalten. Du poppst auf, leuchtest um meine Aufmerksamkeit, willst mir die Worte meiner Schwester zeigen. Gibst auf. Erlischst.

Jetzt vibrierst du. Einmal, zweimal, fünfmal. Ich nehme deine Bewegungen war, doch gefällt mir deine Anzeige nicht. Ich lasse dich, verlasse dich; komme zurück, brauche dich. Mit Klarheit vermittelst du meinen Gesprächspartner, lässt uns ausreden, hältst dich zurück. Dann bockst du, verlierst die Verbindung. Ich drücke dich, presse dich, doch du willst nicht.

Am Mittag macht dir die Kältewelle zu schaffen. Du gibst dich auf – ohne Zögerung, ohne Vorankündigung. Ich belebe dich, schliesse dich an, wärme dich auf. Du dankst ohne Worte. Leuchtest.

Du spielst mir Carlos Gardel, zeigst mir Insta, zeigst mir Twitter, dann wieder Insta. Als ich zum Tram sprinte, trödelst du, bleibst deine Information schuldig. Ich pfeffere dich in den Rucksack, nur um dich wieder herauszuwühlen. Wische dich ab. Klicke meine Erinnerung mit dir. Du zählst meine Schritte, meine Tage, bist meine Filme und meine Waage. Merkst dir meine Freunde und blockst meine Feinde.

Bevor ich döse: Mein Blick auf dich. Ich schlaf ein. Du bist unter mir, weckst mich.

Be first to comment