Unter der Haut Kroatiens

Diese Tattoos sind mehr als ein Modestatement. Sie sind eingehämmerte Kulturgeschichte. Eine Reise über die Körperoberfläche des Balkans


Auch ihr verstorbener Mann hatte tätowierte Arme: Luca Cališ. Foto: Sarah Urech

Das Lagerfeuer tanzt wilde Schatten auf die Gesichter der drei Mädchen. Lautlos durchsticht eine Nadel die Hautschicht von Luca. Aus der Wunde suppen dunkelrote Blutströpfchen. Luca kneift unter dem Schmerz die Augen zu Schlitzen zu. Ihre Freundin tunkt die Nadel wiederholt in die Schale mit dem Gemisch aus Asche, Honig, Milch und Spucke. Erneut ein Stich in Lucas Handrücken. Eine Träne kullert ihre Wange hinunter. Punkt für Punkt arbeitet sich die Freundin vor, bis Lucas erstes Tattoo – ein Kreuz, umgeben von Sonnenstrahlen – als verkrustete Blutspur sichtbar ist.

So erinnert sich Luca Cališ an ihr erstes Tattoo, das die heute Hundertjährige vor neunzig Jahren gestochen bekam.

Unsere Suche nach den Spuren der kroatischen Tattoo-Tradition beginnt kurz nach der Landesgrenze in Bosnien-Herzegowina. Denn in der Gemeinde Rama-Prozor sollen sie noch zu finden sein – die letzten bosnischen Kroatinnen, die altertümliche Kreuz-Tattoos und Ornamente tragen.

Die Büsche um das Häuschen der 87-jährigen Zora Stojanovic scheinen die Lichtung verschlingen zu wollen. Einsam steht der Betonbau etwas ausserhalb vom Zentrum des Dorfes. Stojanovic wartet vor ihrem Heim, winkt wild, als sie ihre Besucher entdeckt, und fixiert dann das Kopftuch, das farblich zu ihrer handbestickten Tracht passt. Die Tattoos auf ihren faltigen Armen sind unübersehbar. Sie ist nicht zimperlich. Problemlos stemmt sie das Marmortischchen von der Küche in die Stube, um ihren Gästen darauf einen Rakija einzufüllen – den vierzigprozentigen National-Schnaps: «Es ist wie Wasser, mit einem Gefühl von Feuer», sagt Stojanovic und ermuntert zum ersten Schluck.

In der Gegend um Zora Stojanovics Haus gibt es vereinzelt noch Minen. Foto: Sarah Urech

Eine letzte Erinnerung an die christlichen Werte

Mit zitternden Händen zeigt sie immer wieder auf eine Fotografie, die über ihr an der Wand hängt: Stojanovic mit ihrer Oma und ihrer Mutter. Auf dem vergilbten Bild sind es die Tätowierungen dieser drei in Landestrachten gekleideten Frauen, die sogleich faszinieren. «Ich war zehn, als mir meine Mama das erste Tattoo stach», sagt Stojanovic. Es waren ihre Initialen und das Geburtsdatum. Die Sonne habe die beiden Motive aber bereits wieder ausgebleicht. Drei Jahre später, am Josefstag, das nächste Tattoo – das Kreuz Jesu, umgeben von Sonnenstrahlen. «Vor der Kirche ist eine ganze Gruppe von Mädchen tätowiert worden», erklärt die ältere Dame. «Am nächsten Morgen sind wir dann mit einem Verband um die rechte Hand in die Schule gegangen.»

Es sei eine düstere Zeit gewesen, als die Kreuze, Sonnen und Kreise das erste Mal in die Haut gehämmert worden seien, erklärt der Enkel von Zora – Zoran Stojanovic. Er hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Tattoo-Tradition seiner Grossmutter beschäftigt und sich selbst auch ein sogenanntes «Jerusalem-Kreuz» stechen lassen, das zurückgeht auf den Frühsommer 1463. Die Osmanen unter Sultan Mehmet dem Zweiten erobern das Gebiet Bosniens. Für die katholischen Dörfer beginnt eine 400-jährige Leidensgeschichte. Die Eroberer begannen schnell, bei ihren neuen Untertanen den «Knabenzins» zu erheben – eine Form von Steuer, bei der männliche Kinder und Jugendliche aus ihren Familien verschleppt und in speziellen Kasernen des Sultans zu Muslimen und Kämpfern gedrillt wurden.

Ein Kreuz, umgeben von Sonnenstrahlen: Das beinahe verblasste Tattoo auf ihrem Handrücken hat sich Zora Stojanovic als 13-Jährige stechen lassen. Foto: Sarah Urech

Den katholischen Christenmädchen drohte dagegen ein Leben als «Haremsdame». Wurde ein Mädchen entführt, war es gezwungen, im Harem den anderen Frauen zu dienen oder dem Sultan für das Gebären seiner Nachfolger zur Verfügung zu stehen. Es seien diese Entführungen gewesen, die die ersten jungen Frauen zur Nadel greifen liessen, erklärt Zoran Stojanovic. Sie stachen sich die Zeichen auf Stirn, Brust, Rücken und Hände – als spirituellen Schutz und um sich im Fall einer Entführung an ihre christlichen Werte zu erinnern. Zoran selbst liess sich für eine Fernsehdokumentation über die bosnischen Kroaten vor fünf Jahren von seiner Grossmutter ebenfalls am Oberarm tätowieren: «Der Schmerz war höllisch», sagt er lachend.

«Ich habe meinen beiden Töchtern nicht erlaubt, sich tätowieren zu lassen», sagt Zora Stojanovic nicht ganz unbegründet. Die zwei Frauen seien in der Zeit des jugoslawischen Kommunismus gross geworden. Da wurden religiöse Tattoos nicht sehr geschätzt. «Viele Frauen wurden gehänselt. Meine Freundin verlor gar den Arbeitsplatz wegen des Körperschmucks», sagt Stojanovic. Seither gebe es in der Gegend nur noch wenige Frauen mit den traditionell tätowierten Ornamenten. Stojanovic schätzt die Zahl derer auf zehn. Wer die Hauptstrasse von Rama Richtung Prozor verlässt, fährt vorbei an Warnschildern für Minenfelder – ein Überbleibsel des Bürgerkriegs, der in der Gegend noch bis 1995 wütete. «Niemand weiss, wo die restlichen Todesfallen versteckt sind», sagt die ebenfalls an den Unterarmen tätowierte Mara Baketaric. Unwetter und Erdrutsche hätten die Minen verschoben, sodass die alten Pläne nicht mehr gültig seien. Alle paar Monate höre sie von ihrem Hof aus einen riesigen Knall. Dann – so ihre Hoffnung – sei eine Kuh oder ein Schaf auf eine Mine getreten. Zu oft aber seien es Bauern gewesen.

Die Erzählung der Kriegsjahre steht im Kontrast zu den traditionellen Pfeifenklängen, die im Hintergrund aus dem Radio strömen. Doch Mara Baketaric hat ihren Humor nicht verloren. «Nur wir Mädchen haben uns tätowiert. Die Männer waren ängstliche Hühner», sagt sie lachend. Sie sei zehn Jahre alt gewesen, als sie einen Sommer lang mit den Kühen und den Schafen auf die Alp geschickt wurde. «Uns war langweilig und so haben wir uns gegenseitig die Arme tätowiert», sagt Baketaric.

Dann, mit kleinen Schritten, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, holt sie ebenfalls eine Flasche Rakija aus dem Schrank. «Niemand geht ohne einen Schluck», sagt Baketaric bestimmt. Ob sie denn die neuartigen, modischen Tattoos auch möge? «Nein absolut nicht», so Baketaric, «wer nicht in die katholische Kirche geht, soll auch keine Tattoos tragen.»

Mara Baketaric: «Moderne Tattoos gefallen mir nicht» Foto: Sarah Urech

Fort von der Religion – hin zum Modestatement

Von der bosnisch-herzegowinischen Grenze führt die vierstündige Reise entlang der Ostküste der Adria zur kroatischen Hafenstadt Zadar. Das Tattoo-Studio Hidden Dragon liegt am Rande der Altstadt, die an diesem frühen Abend von Touristen überlaufen wird. Durch das offene Fenster vermischt sich das Quietschen der Strandmöwen mit dem Surren der Tätowiermaschine. Davor Lovrinov – gross, kurz geschoren, ziemlich tätowiert und mit einer Stimme so tief, dass ihre Vibration spürbar scheint – ist nicht gerade der Typ, der etwas mit der Kirche anfangen kann. «Trotzdem habe ich mir ein katholisches Ornament stechen lassen», sagt der 38-Jährige und lässt dabei die Tätowiernadel auf den Rücken seiner vor ihm liegenden Kundin hämmern. «Eine Erinnerung an meine verstorbene Oma», erzählt er. Seine Grossmutter – «Baba», sagt Lovrinov in stark akzentuiertem Englisch und wirkt dabei doch lieblich – habe sich selbst tätowiert, um «visuell zur Katholikin» zu werden. Diese Entscheidung konnte Lovrinov im Gegensatz zum Rest seiner Familie gut verstehen. Und auch «Baba» fand speziellen Gefallen an ihrem Enkel: «Meine Oma liebte meine Tätowierungen, es war etwas, das uns verbunden hat», so Lovrinov. Sie zwei hätten sich immer blind verstanden, auch wenn gerade seine Eltern die schrittweise Eroberung seines Unterarms mit Kopfschütteln quittierten.

Davor Lovrinov bei der Arbeit. Rechtradikale Symbole steche er nicht. Foto: Sarah Urech

Die Tattookunst hat sich Lovrinov, wie die meisten derzeit aktiven Tätowierer in Kroatien, selbst beigebracht. Schon die Schulzeit verbrachte er damit, seine Bücher vollzukritzeln. Vor zehn Jahren dann der erste Nadelstich: «So ein «Bullshit-Buchstabe» auf meinem rechten Bein.» Er sei froh, dass er sich selbst zuerst gestochen habe – so sei der Schaden gering geblieben. Der beste Kumpel war als Nächster dran. Der wollte einen verrotteten Apfel mit Wurm – «ein verrückter Typ», sagt Lovrinov.

Die Tätowiertechnik habe sich in den vergangenen Jahren extrem verbessert. Das sei auch nötig gewesen, sei doch Kroatien der Entwicklung der Tattookunst Westeuropas lange hinterhergehinkt. In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien hätten die wenigsten einen Dinar übrig gehabt, um in eine Tätowiermaschine zu investieren, erklärt Lovrinov. «Wenn dann einmal ein Bekannter beispielsweise den Buchstaben seines Fussballvereins tätowiert haben wollte, so erledigten wir dies in Handarbeit», sagt Lovrinov. Ein weiteres beliebtes Motiv sei auch ein Herz mit den Initialen «JNA» für die Jugoslawischen Volksarmee gewesen – ergänzt mit dem Eintrittsdatum. Ansonsten war es das Höchste der Gefühle, wenn mal wieder einer ein Magazin aus Europa ins Land schmuggeln konnte, aus welchem die Tätowierer die neuen Tattoo-Motive entnehmen und kopieren konnten.

Nach der kroatischen Unabhängigkeit 1991 sei dann dieses gesellschaftliche Tattoo-Tabu verschwunden. In den Schwimmbädern habe es nur noch so von Menschen mit Buchstaben-, Kreuzund sogenannten Tribal-Tattoos gewimmelt. Dann rückt er mit dem Stuhl näher an sein Kunstwerk heran. Derzeit würden seine Kunden vermehrt fotorealistische Bilder stechen lassen, auch werde eher an sichtbaren Stellen wie am Nacken oder im Gesicht tätowiert. «Doch es gibt Tattoos, die ich für kein Geld der Welt stechen würde», sagt Lovrinov. So habe sich vor ein paar Tagen ein Teenager ein Hanfblatt auf den Hals stechen lassen wollen: «Denn sie wissen nicht, was sie tun», sagt Lovrinov lachend dazu und spreizt kurz die Finger, bevor er die Tätowiernadel erneut ansetzt. Leider sei er in letzter Zeit auch vermehrt nach rassistischen Motiven gefragt worden. Doch obwohl er diese selbst niemals steche, sehe er diese Kunden bereits nach kürzester Zeit mit den gewünschten Tattoos. «Es ist eine Schande für das Metier, dass sich hier in der Gegend ein ausgebildeter Tätowierer zu so was hinreissen lässt», sagt Lovrinov.

Ein Zeichen für den Nationalstolz?

Von Zadar geht es mit dem Bus in Richtung Hauptstadt. Hinter der Sichtschutzscheibe ziehen Plätze mit italienischem Einschlag vorbei und wechseln sich ab mit menschenleeren Gassen mit alten Häusern, von deren Balkonen die Blumen herunterhängen. Dann die Abbiegung ins Landesinnere.

Mihael Vrljic bezeichnet sich witzelnd als Hobbykraftprotz. Augen zugekniffen, Schultern breit und die eine Portion Gel zu viel in den blonden Haaren. Wer sein Tattoo mit dem «U» sehen möchte, dem zeigt er gleich den ganzen durchtrainierten Oberkörper – auch in diesem überfüllten Café einer Shopping-Mall in einem Aussenquartier von Zagreb. «Ich versteh den Wirbel um mein Ustaša-Emblem nicht», sagt Vrljic. Er bereue nur, dass die benutzte Tattoo-Tinte nicht so gut sei und schnell ausbleiche. Auch fände er den Vergleich mit einem Hakenkreuz unpassend. Klar wisse er, dass die 1929 gegründete faschistische Organisation Ustaša, deren Schreckensregime eine halbe Million Menschen mit dem Leben bezahlten, umstritten sei: «Doch für mich ist die Bewegung ein Zeichen für das Aufstehen gegen die Unterdrückung der eigenen Nation», sagt der 35-Jährige. Er trage es als Symbol dafür, dass er ein Kroate und eben kein Jugoslawe, kein Balkanese sei.

Spät am Abend ist es ruhig am Flughafen. Von der Bar ist noch das Murmeln der letzten Reisenden zu hören. Das letzte Tattoo, das uns vor dem Abflug begegnet, gehört einem Herrn, der mit der Leuchtweste auf der Bodenreinigungsmaschine seine Runden dreht. Es zeigt das Logo des kroatischen Fussballvereins Hajduk Split.

Mihael Vrljic mit Ustaša-Emblem: «Ich bereue nichts». Foto: Sarah Urech

Eine Version des Artikels erschien in der SonntagsZeitung

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