Und täglich grüsst das Rüsseltier

Sechs Tage in der Woche verbringt Hugo Guidolin im Zürich-Zoo. Fast kein anderer Gast verstehe die Tiere so intuitiv wie er, sagt er auf einem Spaziergang.

«Guten Morgen Claudia», begrüsst Hugo Guidolin die Zookassiererin. Kindergärtler quengeln sich kreischend an ihm vorbei. Seine raue und kratzige Stimme lässt ein paar Augen zu ihm drehen. «Achten Sie mir gut auf Herrn Guidolin. Das ist ein spezieller Besucher», gibt uns die Verkäuferin durch die Scheibe mit. Was sie damit meint, ist schnell klar: Herr Guidolin ist 78, geschieden und besucht den Zoo Zürich an sechs Tagen in der Woche, seit mehr als siebzehn Jahren.

«Dann würden wir als Erstes zu den Bärli», sagt Herr Guidolin zu Beginn unseres Spaziergangs. Und fügt an, dass wir von ihm in den nächsten vier Stunden keine Zahlen und Fakten erwarten sollen: «Mir geht es um den Charakter der Tiere, ihr Wesen.» Herr Guidolin zieht sich seine braune Mütze ins Gesicht. Die zwei Goldketten um seinen Hals glitzern in der Mittagssonne.

«Ja hallo, endlich sagst du Grüezi» – das bolivianische Totenkopfäffchen in der Südamerika-Abteilung guckt in Herrn Guidolins Richtung. Man habe die Tiere mit seinen hellen, maskenartigen Gesichtszügen früher als Haustiere gehalten, weiss er. Eigentlich sind die Äffchen perfekte Fotosujets, doch Guidolin fotografiert die Tiere nie: «Die Erinnerungen speichere ich da oben», sagt er und tippt sich an die Stirn. Von anderen Fotografen im Zoo – davon gibt es nicht wenige – erhalte er manchmal Bilder. Das genüge ihm. Einem dieser Fotografen – dem Marcel – begegnen wir bald. Dieser sei ebenso «angefressen» wie er, erklärt Herr Guidolin.

«Sie hat gegessen», sagt Marcel zur Begrüssung. Guidolin lächelt. Sie, das ist eines von fünf Jungstörchen, die vor kurzem geschlüpft sind. Marcel und Hugo sorgen sich um eines der Küken, das in den letzten Tagen sehr schwach wirkte: «Wir besuchen das Nest jeden Tag.»

Spannender als jede TV-Serie

Neben dem Fotografen Marcel kennt Hugo Guidolin rund ein Dutzend Dauerbesucher. Man trifft sich täglich um 9.30 Uhr im Zoorestaurant zum Frühstück. «Da haben wir unser Männerding», sagt Guidolin. Frauensprüche gehören auch dazu. Dies sei aber nicht Kern dieses Frühstückrituals. Vielmehr gehe es darum, Tierinformationen auszutauschen. «Jetzt mal ohne zu bluffen, da stehe ich oft im Mittelpunkt, da ich viel weiss.» Die Beziehung sei aber nicht verpflichtend, ergänzt Guidolin sofort. Seine Freiheit sei ihm wichtig.

Bei dem Bärengehege kramt Guidolin ein gefaltetes Notizblatt hervor: «12. Mai, 11.15 Uhr: Die Brillenbärenzwillinge Rica und Rasu erkunden zum ersten Mal die Aussenanlage», steht da säuberlich geschrieben. Ein Pfleger habe ihm am Tag vor der Stallungsöffnung bereits die Neuigkeit verraten. Ein Geheimtipp, von dem nur er wusste. So konnte der Stammgast Guidolin den ersten Freilauf der Tiere live miterleben.

«Hier beim Bachlauf sind die Jungbären ins Wasser geplumpst, und Mutter Cocha musste sie wieder herauszerren», sagt Guidolin und das Funkeln kehrt in seine grünblauen Augen zurück. «Ich habe gute Beziehungen zu allen Pflegern», sagt Guidolin. Wie sind diese zustande gekommen? Was ist sein Trick? «Ich frage nicht blöd und gebe zu erkennen, dass ich drauskomme.» Einige weitere Geheimnisse verrät uns Hugo Guidolin, während wir an Orang-Utans und Gorillas vorbeischlendern. In der Zeitung möchte er diese aber nicht lesen. Er wolle seine guten Beziehungen zu den Pflegern und dem weiteren Zoopersonal nicht gefährden.

Hugo Guidolin hat nie geplant, zum Zürich-Zoo-Dauerbesucher zu werden. Es habe sich so ergeben. Nach der Pensionierung von seiner Stelle im Sicherheitsdienst einer Schweizer Bank habe er erstmals die neue Freizeit genossen und Ausflüge mit seiner Tochter und den beiden Enkeln unternommen. Doch die junge Familie zog nach Deutschland. Zunehmend wurde es ihm zu Hause langweilig: «Statt in Zürich umherzuschleichen, gehe ich doch lieber in den Zoo.» Schnell habe er festgestellt, dass das Leben und die Entwicklung der Tiere spannender sei als jede TV-Serie.

Seither hat sein Tagesablauf eine strenge Routine: «Ich wache um 6 Uhr auf und beobachte dann als Erstes via Zoo-Webcam meine Lieblinge, die Tiger und Elefanten.» Nach etwas Hausarbeit dann der Aufbruch mit dem Auto von Oberengstringen zum Zoofrühstück. Die nächsten sechs Stunden verbringt er – «bei Wind und Wetter» – bei den Tieren, bis die Parkuhr auslaufe. Nur am Donnerstag nicht: Mit ehemaligen Arbeitskollegen trifft er sich dann zu Tennis und Jass.

Eine Mauer für den toten Tiger

Reisen tut Hugo Guidolin selten. Nur als Tiger Lailek nach Hamburg in den Tierpark Hagenbeck gegeben wurde, habe er ihn dort einige Male besucht. Beim letzten Mal dann der Schock. Eine Pflegerin informiert ihn über den Tod des «Katers»: «Ich habe augenblicklich den Zoo verlassen», erinnert sich Guidolin, während wir der Tigerdame Elena beim Schwimmen zuschauen.

Ein Jahr später ist der Tod auch im Zoo Zürich ein Thema. Hugo Guidolin macht sich noch heute Vorwürfe: «Ich hätte sehen müssen, dass etwas mit Coto nicht stimmte.» Der Tiger verlor drastisch an Gewicht und musste nach einer Magenentzündung eingeschläfert werden. Als Coto das letzte Mal in die Veterinärstation gebracht wird, beobachtet Hugo Guidolin die Szene von einer Mauer aus. Seither verbringt er bei jedem Rundgang ein paar Gedenkminuten auf dem steinernen «Coto-Müürli», wie er es nennt.

Doch die schönen Momente überwiegen bei seinen Rundgängen: So konnte er die Geburt des Kappengibbons Qiwèn sehen: «Das schien füdliblutt, als es auf die Welt kam.» Auch bei seinem anderen Lieblingstier, dem Elefanten, hat es gerade erst Nachwuchs gegeben. Hugo Guidolin führt auf dem Weg zum Kuhkalb Ruwani das «obere Halunkenwägli» hinunter. So nennt er den Erlebnisweg, den er mit seinen Kollegen entdeckt hat: «Wir halten uns aber an die Regeln», so Herr Guidolin.

Im Elefantenpark finden wir die Grossmutter Ceyla-Himali und Mutter Farha beim Jungen Ruwani. «Schauen Sie, die zwei Frauen lassen das Elefäntli nicht zum Wasser.» Dies sei noch zu gefährlich für das Elefantenbaby.

Unser Rundgang ist beinahe zu Ende, das Interviewblöcklein weggepackt, da möchte Herr Guidolin noch eine Geschichte erzählen: Er sei nicht immer alleine und spontan unterwegs. Während einer Elefantenpräsentation habe er eine Pensionierte getroffen: «Sie ist die Einzige, die ich hin und wieder anrufe, um mich mit ihr zu verabreden.» Dann sagt er ihr: «Ich bin heute im Zoo.» Eine Zeit brauchen die beiden nicht auszumachen: «Wir begegnen uns so oder so.» Weshalb er diese Frau mag? Das ist leicht: «Sie ist ebenfalls ein Tigerund Elefanten-Fan.»

Foto: Samuel Schalch 
Eine Version des Textes erschien im Tages-Anzeiger

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