Nix ist schöner

Unter Wasser mit der Walliserin Justine Produit, der Miss Mermaid 2017 

Ein letztes Mal nach Luft japsen, dann taucht sie ab. Arme gestreckt. Kopf voran. Die mit Strass verzierte Schwanzflosse schlägt auf dem Wasser auf. «Meerjungfrau» Justine Produit ist die erste Kandidatin, die den dreiteiligen Parcours der MissMermaid-Wahl durchschwimmt. Wie ein Aal schickt sie Wellen durch ihren Körper und taucht so 50 Meter weit. Durch das Hallenbad säuseln derweilen die Calypso-Klänge des Disney-Klassikers «Arielle».

«Wasser ist mein zweites Zuhause, mein Ruhepol. Alle Probleme kann ich an Land lassen», sagt die 23-jährige Produit am Rande der Schweizer Wahl. Bereits zum dritten Mal wurde diese vergangenen Sonntag in Murten durchgeführt. Auf den «Mermaiding»- Trend ist die gelernte Drogistin vor zwei Jahren durch einen Artikel in einer Pendlerzeitung gestossen. Daraufhin kontaktierte sie die damalige Miss Mermaid, die ihr einen Tag lang den Flossensport erklärte: «Ich wollte stundenlang im Wasser bleiben. Dabei habe ich Schwimmen früher gehasst.»

Produit taucht schnaufend am Beckenrand auf. Sie rückt den goldglitzernden Seestern in ihrem Haar zurecht, während ihr die rund zwei Dutzend mehrheitlich männlichen Zuschauer und Mädchen mit Meerjungfrauen-Barbies applaudieren. Produit ist zu konzentriert, um sie zu bemerken. Erneut einatmen, erneut abtauchen. Dieses Mal muss sie Figuren schwimmen. Eine Rolle vorwärts, dann ein Griff mit überstrecktem Rücken nach ihrer Monoflosse.
«Als Kind hatte ich auch eine Meerjungfrau-Phase», sagt Produit. Nachdem sie «Arielle» gesehen hatte, lief sie tagelang mit einer Wolldecke herum, die ihre Schwanzflosse imitierte. Aber die Teenagerjahre widmete sie dann doch lieber dem Modern Dance.

Das goldene Krönchen: Die Erfüllung eines Traums

Nächster Auftrag für die Nixen: Unterwasser-Posing. Der Fotograf gibt Produit noch letzte Anweisungen: «Positioniere dich parallel zu der Kamera, halte die Arme am Körper und vergiss den Spass nicht.» Das Blitzlicht erleuchtet das Murtener Hallenbadbecken viermal, dann taucht sie wieder auf. Küsschen links und rechts – die drei Freunde, die Produit begleiten, knuddeln die Mermaid.

Schon früh verlässt Justine Produit das kleine Walliser Heimatdorf – der Ort heisst ebenfalls Produit – und besucht ein Internat in Genf. Da entdeckt sie bereits ihre Faszination für Fantasiewelten: «Ein Lehrer trainierte uns im Sportunterricht in mittelalterlicher Schwertkunst.» Seit da ist sie immer mal wieder an einem Mittelaltermarkt anzutreffen, wo sie die Besucher mit ihren Jonglierkünsten unterhält.

Das Murtener Badirestaurant ist jetzt zur Garderobe geworden. Hier sprüht sich eine Kandidatin Sandglitzer auf die Haut. Da fixiert ihre Konkurrentin ein Algennetzchen. Produit bindet sich derweil ihr Bikinioberteil: Zwei Muschelschalen – Pazifische Löwenpranken –, umgeben von pinken Kunstrosenblätter: «Meine Mama isst gerne Muscheln», sagt Produit, «daher die Idee.» Zudem sind Rosen ihre Lieblingsblumen.

Vier Stunden später posiert Produit auf dem Seesteg. Das Land-Shooting sei ihre stärkste Disziplin: «Da habe ich Erfahrung», sagt sie. Schon öfter hätten Fotografen sie für ein Fantasy-Shooting angefragt. «Zu diesem Zweck habe ich mir eine Latexflosse gekauft», 700 Euro hat diese gekostet. Doch es habe sich gelohnt: Die gelbe Flosse wirke echt. Zum Schwimmen eigne sie sich aber nicht.

Sind Meerjungfrauen für Produit eher Fabelwesen oder Dämon? «Ich glaube, der Charakter der Nixe ist zwiegespalten: Sie kennt sowohl das Ruhige, das Fluide wie auch das Aufbrausende», sagt sie. So würde Produit sich auch selbst beschreiben. «Auch möchte ich wie Arielle vom alltäglichen Leben und der Langeweile gerettet werden», gibt Produit lachend zu Protokoll.

Die fünf Kandidatinnen trennt nun nur noch der Bikinisowie der Abendkleiddurchgang vom Krönchen. Produit stolziert sicher auf den hohen Absätzen über den roten Teppich und gibt dabei den Blick auf die Rückenund Armtattoos frei: «Viele Mermaids sind tätowiert.» Es habe wohl damit zu tun, dass hier nicht dieselben Auflagen gelten wie an gewöhnlichen Schönheitswettbewerben. Alle dürfen mitmachen, sofern sie jünger als 32 Jahre sind. Ihr Tattoomotiv ist ein keltischer Knoten – ein Ausdruck für Produits Verbundenheit mit Mutter Erde: «Ich möchte Mermaiding auch nutzen, um für Naturschutz zu werben.» Schliesslich könnten Nixen in einem von Plastik verschmutzten Meer nicht überleben.

Zwanzig Minuten lang berät die Jury. Dann der Moment: «Gewinnerin ist: Justine Produit!» Emotionen übermannen die nun schönste Schweizer Nixe, Tränen fliessen, während ihr die goldene Muschelkrone und die Schärpe übergezogen werden.

Eine Version des Artikels erschien in der SonntagsZeitung.

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