Am Schlund von Mordor

Wer »Demokratische Republik Kongo« hört, denkt an Kindersoldaten, an Rebellen, und Blutmineralien. Der Kosmos war wohl von diesen Schlagworten inspiriert, als er beschloss, gerade hier den gefährlichsten Vulkan der Welt entstehen zu lassen. Naturschönheit, die zittern lässt.

Vier Stunden können lang sein, vor allem wenn man nicht so genau weiss, ob man gerade auf einem guten Weg ist. Unser soll uns zum Nyiragongo führen, einem der acht Virunga-Vulkane, die zum Ostafrikanischen Grabenbruch gehören. Die Gründe, solch ein Vorhaben besser zu knicken, kann man nicht an einer Hand abzählen – ein brodelnder Lavasee im Krater des Nyiragongo ist nur einer davon.

»Alle raus, alle raus, raus!« Wie eine Kuhherde beim Almabtrieb scheucht uns der Chauffeur des Virunga Express aus seinem Minibus. Von Kigali aus waren wir friedlich durch die sanften, smaragdgrünen Hügel Ruandas bis an die Grenzstadt Gisenyi getuckert. Vier Stunden lang. Bedenkzeit abgelaufen. Jetzt müssen wir da durch.

Vor dem Grenzübergangshäuschen herrscht ein Gedränge wie in der ersten Reihe eines Taylor-Swift-Konzerts. Bewaffnete Grenzpolizisten in blauen Overalls schreien Anweisungen auf Suaheli in das Gewühl aus Marktfrauen, Geldwechslern, UN-Mitarbeitern und Fischhändlern. Als es dann auch endlich an uns zwei Afrika-Bummlern ist, den Einreisestempel beim rundlichen Grenzbeamten abzuholen, bittet der uns freundlich aber bestimmt in seine Hütte. Es riecht nach Schimmel und Spinat. An der Wand hängt einzig ein vergilbtes Bild des Präsidenten Joseph Kabila. Darunter stapeln sich achtlos Hunderte blaue Notizbücher, in denen jeder Einreisende penibel registriert wird. Ob die noch mal irgendwer anschaut? Ich würde ja fragen. Aber in meiner Lage? Besser nicht. Mein Französisch ist in etwa so gut wie sein Englisch – praktisch inexistent. Trotzdem kann sich der Zollmops gut verständlich machen. Einen »Motivationsbatzen« später sind wir auf kongolesischem Boden. Unserer Internetbekanntschaft Sylvain Nzanzu, den wir über eine Couchsurfing-Plattform kennengelernt haben, holt uns mit seinem klapprigen Toyota ab.

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Auch ein Anfänger stellt problemlos fest, wo Ruanda aufhört und die Demokratische Republik Kongo beginnt. Die eben noch ordentlich geteerte Strasse ist nun von Schlaglöchern gezeichnet und mündet teils in unpassierbare Schlammwege, die mit grossen, kantigen Lavasteinen geschmückt sind. Der Verkehr im Kongo führt sich auf wie ein wilder Tanz zwischen chinesischen Mopeds, gewaltigen Geländewagen und Tshukudus – eine Art Holztretroller. Hinter dicken, mit Stacheldraht geschmückten Mauern reihen sich die fetten Villen der internationalen Hilfsorganisationen aneinander. In den Gassen patrouillieren Panzerfahrzeuge der UNO und das bis an die Zähne bewaffnete kongolesische Militär. Es gibt nach wie vor Unruhen im Land. Auch wenn der zweite Kongo-Krieg 2002 beendet wurde, kommt es hier im Osten immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Das kongolesische Militär kämpft – teilweise mit Unterstützung von UN-Truppen – gegen verschiedenste Rebellengruppen wie beispielsweise versprengte Hutu-Milizen.

Wer als Ranger im Virunga-Park arbeiten will, riskiert sein Leben. Jeden Tag.

Als sich der majestätische Mount Nyiragongo das erste Mal unseren Blicken zeigt, ist er in sanfte Nebelschwaden gehüllt. Doch der Friede ist trügerisch. Dieser Berg ist gefährlich. Wer wüsste das besser als Sylvain, unser neuer Freund. Am 17. Januar 2002 starren er, damals gerade 22 Jahre jung, und seine Frau fassungslos auf einen Lavastrom, der sich in Rekordzeit fünfzehn Kilometer hinunter in Richtung Goma bewegt. Es scheint, als wäre der Berg ein altes Rohr, das zu zerbersten droht und durch dessen Ritze 500 Grad heisse Lava in die Stadt stürzt. »Wir packten das Nötigste und flohen. Wir beobachteten Plünderer, die das bereits leer stehende Haus meines Onkels ausraubten.«

Seine Frau und er folgen damals dem Flüchtlingsstrom und retten sich zusammen mit den Eltern über die Grenze nach Ruanda. Dort erfahren sie das Ausmass der Katastrophe: Mindestens 170 Tote, 200’000 Flüchtlinge und 120’000 Obdachlose. Auch das Ehepaar Nzanzu muss sich zu Letzterem dazuzählen. »Unser Haus war völlig zerstört, aber die Hütte unserer Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite blieb intakt«, sagt Sylvain. »Teilweise gab es jedoch auch ganze Stadtgebiete, die unter dieser Lavawüste vergraben wurden.«

Es erstaunt also nicht, dass die Kongolesen nur die Augenbrauen hochziehen, wenn sie von Touristen hören, die da freiwillig hochkrabbeln, um ein vermeintlich faszinierendes Naturspektakel zu erleben. Für sie ist der Nyiragongo das Wahrzeichen einer Tragödie und zugleich ein Fanal, das jederzeit die erneute Zerstörung Gomas androht.

Hinzu kommen höchstes Malariarisiko, Korruption, laufende Rebellenbewegungen – es gäbe also genug Gründe, dem Kongo fern zu bleiben. Was ist es bloss, das uns trotzdem auf diesen Berg zieht? Die Suche nach einem echten Abenteurer? Auch. Vor allem aber die Angst, das kleine Zeitfenster für einen Besuch am aktivsten Vulkan Afrikas zu verpassen. Zu gross ist die Gefahr, dass die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Kongo die Unruhen rund um den Berg neu entfachen. Oder dass schon der nächste Vulkanausbruch bevorsteht.

Am Ausgangspunkt der Trekkingtour.

Am Ausgangspunkt der Trekkingtour.

Sechs Uhr. Ein vom Nationalpark organisierte Taxifahrer holt meinen verschlafenen Reisekumpanen und mich ab. Sein Name ist Parfait. Noch bevor er in den zweiten Gang schaltet, kommt er zum Punkt. » Bist du verheiratet?« »Aber sicher doch.« In einem Berliner Ausgehviertel wäre diese Antwort das Ende der Unterhaltung. Mit Parfait läuft das anders. Als er sich vergewissert hat, dass noch keine Kinder im Spiel sind, erklärt er mir, dass man im Kongo problemlos auch zwei Frauen haben könne. »Kein Problem!« Meine Frage, ob ich denn als Frau auch zwei Männer haben könnte, überhört er lässig.

Die Strasse zum Checkpoint im Dorf Kibati ist von pechschwarzem Vulkangestein geziert. Nach dreissig Minuten Fahrt befinden wir uns offiziell auf dem Boden des Nationalparks Virunga. Der Park bereits zum UNESCO-Welterbe ernannt, wegen des Vulkans, aber auch aufgrund der hier lebenden, bedrohten Berggorillas. Bereits 1925 erklärte die belgische Kolonialmacht die Region zum Naturschutzgebiet und schuf damit das älteste Reservat Afrikas. Am Ausgangspunkt unserer Trekkingtour werden wir von unserem Ranger Trésor und seinem Vater begrüsst. Wir sind nicht die Ersten. Eine Gruppe von fünf UN-Piloten in Militärkleidung steht schon stramm in einem Halbkreis bereit. Daneben zwei zierliche UNICEF-Mitarbeiterinnen aus den USA. Wir entrichten die Eintrittsgebühr von 300 Dollar pro Nacht und Kopf und erhalten im Gegenzug einen Wanderstab.

Auf unserem Ticket steht, dass wir für läppische zwölf Dollar einen Kongolesen dazumieten können, der unser Gepäck auf den Berg schleppt. Ich fühle mich in die Kolonialzeit zurückversetzt. Nein, unser Stolz lässt nicht zu, dass wir solch ein Angebot annehmen. Wir wünschen uns insgeheim, dass uns wenigstens die UN-Soldaten dafür bewundern, und blicken mulmig Richtung Gipfel.

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Park-Ranger Trésor spricht klare Worte: »Die kommenden acht Kilometer werden kein Zuckerschlecken.« Und ergänzt: » Auf gar keinen Fall darf die Gruppe sich aufteilen. Viel zu gefährlich.« Er und seine zwei Kollegen sind gewappnet mit Kalaschnikows.  Emmanuel ist einer von ihnen. Mit seinen abgelatschten Gummistiefeln bereitet er der Gruppe den Weg durch den Dschungel. Bereits als Achtzehnjähriger hat er sich zum Ranger ausbilden lassen. Eine wirtschaftliche Entscheidung, kein Herzenswunsch. Sein Vater ist ein Bauer, der von der Hand in den Mund lebt. Nur knapp kann er sieben Kinder ernähren. Als der Virunga-Park neue Ranger rekrutiert, setzt Emmanuel sich bei der strengen Aufnahmeprüfung und in der Ausbildung durch. Für ein Gehalt von mageren 240 Dollar führt er fast jeden zweiten Tag eine neue Gruppe zum Vulkan. Wer hier arbeitet, riskiert sein Leben. Jährlich sterben mehrere Virunga-Ranger beim Versuch, die Tiere im Park – hauptsächlich die Gorillas – vor Wilderen zu schützen. Aber auch verschiedene Miliztruppen nutzten immer wieder die Berghänge des Virunga-Vulkans, um sich darin zu verschanzen. So war der Park bis Mitte 2014 für Touristen geschlossen. Aber Emmanuel ist mutig. Er habe sich noch nie gefürchtet, behauptet er. »Nur mit weinenden Touristinnen, weiss ich nicht viel anzufangen«, sagt er und grinst.

Park-Ranger Trésor

Park-Ranger Trésor

Die Schönheiten am Pfadrand fesseln uns, wir schauen schweigend auf den leuchtenden Kivusee und auf die tiefgrüne, dünn besiedelte Landschaft um uns herum. Nach einer Stunde die erste Pause. Mein T-Shirt und das der UN-Soldaten ist pitschnass vor Schweiss. Parkführer Trésor nutzt die Zeit, um uns »seinen« Vulkan anzupreisen: »Nyiragongo gilt als einer der gefährlichsten aktiven Vulkane der Welt.« Gut zu wissen … Es ist die Lava, die den ostafrikanischen Berg so bedrohlich macht. Sie ist beinahe so flüssig wie Wasser und legt bei einem Ausbruch ein gewaltiges Tempo vor: hundert Kilometer pro Stunde und mehr. Experten bezeichnen den Vulkan als tickende Zeitbombe – mit dem Unterschied, dass niemand weiss, wie lang die Zündschnur ist.

Der Trampelpfad durch den Tropenwald wird steiler. Langsam lockert sich das Bambusdickicht. Immer wieder stehen tote Bäume am Wegesrand – die Spur des Lavastroms von 2002. Die gesamte Vegetation der Region hat arg gelitten. Der saure Regen, der sich durch die Dämpfe über dem Lavasees bildet, zerstört die Pflanzen und verringert die Fruchtbarkeit der Böden.

Idyllische Zeitbombe: Blick vom Nyiragongo auf die Provinzhauptstadt Goma. Wenn der Vulkan ausbricht, ist die ganze Stadt vom Untergang bedroht.

Idyllische Zeitbombe: Blick vom Nyiragongo auf die Provinzhauptstadt Goma. Wenn der Vulkan ausbricht, ist die ganze Stadt vom Untergang bedroht.

Dann schlägt das Wetter um. Wie aus dem Nichts ziehen dicke Regenwolken auf, es regnet in Strömen auf uns nieder. Dass wir während der Regenzeit hier sind, kann ohnehin im besten Fall noch als suboptimal bezeichnet werden. Doch wir wollten nicht warten. Zu gross war unsere Angst, den Park geschlossen vorzufinden. Grösser jedenfalls, als zufällig zwischen die Fronten von bewaffneten Rebellen zu geraten.

Wir retten uns in eine Blechhütte und warten das Ende des Regens ab, bevor wir uns an die letzten 250 Höhenmeter wagen. Sie sind eine Qual. Es gibt keinen Weg mehr. Es gibt auch keinen Pfad mehr. Es gibt jetzt nur noch den Willen, da irgendwie raufzukommen. Die Höhenluft lässt uns keuchen. Teilweise müssen wir unsere Hände zu Hilfe nehmen – ständig bedacht, sie nicht an den scharfen Lavagestein-Kanten aufzuritzen.

Unser Schlafplatz auf dem Gipfel.

Unser Schlafplatz auf dem Gipfel.

Nach viereinhalb Stunden haben wir es geschafft. Auf dem Gipfel weht ein eisiger Wind. Die Regenwolken sind weitergezogen und haben uns mit nassem Schlafsack und nasser Wechselwäsche zurückgelassen. Wir frieren. Ein Gefühl wie im Winter in den deutschen. Bibbernd sind wir stolz auf die geschafften 1400 Höhenmeter. Bevor wir uns die letzten Meter zum Kraterrand vorwagen, müssen wir uns in einer Art Zelthütte aufwärmen. Wir verdrängen, dass das Material für diese komfortablen Holzkabinen von den Rangers stückweise nach oben geschleppt werden musste.

Dann brodelt, lodert, zischt und dampft es endlich– Schwefelgeruch hängt in der Luft. Wir sind am Krater und blicken fasziniert in eine böse schimmernde Riesensuppe. So wie mir jetzt muss es auch Frodo Beutlin ergangen sein, als er in die schreckliche Schlucht von Mordor blickte. Wir fühlen uns klein, diesem Naturspektakel völlig ausgeliefert. Zehn Millionen Kubikmeter Lava kochen da etwa 800 Meter tiefer im Schlund des Vulkans. Das entspricht rund fünf Mal der Wassermenge des Chiemsees. Lavafontänen werfen glühende Fetzen bis zu sieben Meter hoch in die Luft. Wir liegen flach auf dem Bauch und staunen fröstelnd, während uns der Wind um die Ohren zischt.

Sieht nicht nur aus wie das Tor zur Hölle: Als der kongolesische Vulkan Nyiragongo am 17. Januar 2002 zuletzt ausbrach, zerstörte der Lavastrom viele Dörfer der Region, mehr als 170 Menschen kamen ums Leben.

Sieht nicht nur aus wie das Tor zur Hölle: Als der kongolesische Vulkan Nyiragongo am 17. Januar 2002 zuletzt ausbrach, zerstörte der Lavastrom viele Dörfer der Region, mehr als 170 Menschen kamen ums Leben.

Plötzlich wird ein Lichtschalter umgelegt. Der Sonnenuntergang, unerwartet schnell. Stille. Die UN-Soldaten sind vorbereitet. Sie haben sich einen Sack Kohle hochtragen lassen. Selten habe ich mich über ein Lagerfeuer mehr gefreut. Wir garen mitgebrachten Fleischspiesse, geniessen das Bananenbier, rücken zusammen und plaudern beseelt.

Goma in der Nacht: Hier leben inzwischen eine Million Menschen.

Goma in der Nacht: Hier leben inzwischen eine Million Menschen. (Bild: Adriel Pfister)

In der Tiefe glitzern friedlich die Lichter von Goma. Über eine Million Menschen leben hier. Täglich werden es mehr. Der Kampf gegen den Hunger und die Plünderungen lassen viele Menschen in der Stadt Schutz suchen. Was wird passieren, wenn der Nyiragongo seine Lava nicht mehr halten kann? Richtig schlafen kann ich nicht in dieser Nacht. Immer wieder taste ich mich über das Geröll bis hin zum Krater, um noch mal kurz einen Blick hinunterzuwerfen. Und noch einmal. Beeindruckend, jedes Mal. Diesen Anblick möchte ich für die Ewigkeit in mein Gedächtnis einbrennen.

Der Abstieg verläuft problemlos, obwohl der Muskelkater in den Beinen wimmert. Emmanuel und seine beiden Gefährten hüpfen den Hang förmlich hinunter. Ihnen ist es gelungen, den schlechten Ruf der Demokratischen Republik Kongo ein kleines bisschen zu rehabilitieren. Der Mount Nyiragongo mag ein Ort des Schreckens sein. Für uns war er für einen kurzen Moment der Garten Eden.

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Touren: So geht’s

Übernachtungsgebühr und Parkeintritt von 300 Dollar können im Voraus via www.visitvirunga.org erworben werden. Am schnellsten erreicht Goma, wer nach Kigali, Ruanda, fliegt und von dort aus mit Bus oder Taxi weiterreist. Angesichts der politisch instabilen Situation in der Demokratischen Republik Kongo ist es ratsam, sich vor der Reise über die aktuelle Sicherheitslage zu erkundigen (www.auswartiges-amt.de).

Eine Version des Artikels erschien im Free Men’s World Magazin

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