Wenn das Leben um Atem ringt

Die erste Frucht der Unruhen in Bujumbura ist die Ungewissheit. Kein Tag, keine Stunde seit April dieses Jahres, der dem Gewohnten, dem Normalen gleicht. Jegliche Alltagsroutine zerschellt an den Leichen, die fast jeden Morgen in der Hauptstadt des Ostafrikanischen Burundis gefunden werden.

Als Mateso, 47, am Morgen des 14. November auf dem zerfetzten Bürosessel Platz nimmt, sind vierzehn Tage vergangen seit er seine Frau tot im Graben gefunden hat. Er trägt einen weinroten Filzpullover, braune Wollhosen und durchgelaufene Sandalen. Er sitzt allein in diesem fensterlosen Raum. Fliegen um seinen Kopf. Einzige Lichtquelle ist ein mit dem Hammer eingeschlagenes Loch einen Meter über ihm. Sein Geschäftspartner hat sich schon vor Wochen ins nahe Ruanda abgesetzt. Mateso selber will nicht fliehen. Er hat keine Kraft mehr: Bereits 1993 -während des Völkermords – hat er einen Sohn an Burundi verloren. Mateso weint. Auch seine vier verbleibenden Kinder vermögen nicht ihn zu trösten.

Wann genau Burundis Krise begonnen hat? Wahrscheinlich früher als gedacht. Seit seiner ersten Wiederwahl 2010 zeigte sich Präsident Nkurunzizas Regierungspartei zunehmend autokratisch. Belästigungen von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten wurden zur Gewohnheit während die zunehmende Armut Hand in Hand mit der Korruption durchs Land spazierte.

Anfang dieses Jahres dann der grosse Schritt: Präsident Nkurunziza liess sich für eine dritte Amtszeit aufstellen – obwohl die Verfassung nur zwei vorsieht. Das Land in Aufruhr: Die Zivilbevölkerung begann sich zu mobilisieren, die internationale Gemeinschaft warnte vor den Folgen, Nkurunziza blieb bei seinem Wort. Die darauffolgenden Unruhen waren blutig.

Am 13. Mai dann, während eines Aufenthalts Nkurunzizas in Tansania, ein Putschversuch – geführt vom ehemaligen Geheimdienstkommandeurs General Godefroid Niyombare. Zweit Tage später war der Spuk bereits wieder vorbei: Die Putschisten zurückgedrängt, der Präsident in voller Kraft zurück im Amt und in der Zwischenzeit wurden auch noch die letzten unabhängigen Radiostationen ausgeschaltet.

Dann beginnt der unberechenbare Kampf gegen jegliche Regierungskritiker. Auch Nkurunzizas Wiederwahl vom 21. Juli setzt den Verhaftungen und Folterungen kein Ende.

Das ’Ministerium für Information, Kommunikation, Parlamentsbeziehungen und Regierungssprecher’ ist nur zehn Fahrtminuten von Matesos Büro entfernt. Ein eindrücklicher Marmorbau, komplett ausgekleidet mit rotem Teppich. Im Empfangssaal werden die Wartenden mit amerikanischem Wrestling-TV-Bilder berieselt. Willy Nyamitwe, Sprecher von Burundis Präsident Nkurunziza und leidenschaftlicher Twitterer kommt nicht alleine. Fünf Anzugträger nehmen neben ihm Platz und notieren das gesagte Wort: „Das Land ist jetzt sicher. Die internationalen Medien lügen wenn sie sagen, dass wir kurz vor einem Bürgerkrieg stehen. Alles ist ruhig.“

„Dieser Konflikt hat nichts mit Ethnie zu tun“, sagt Mateso. Seine Frau war Tutsi, er selbst ist Hutu. Gelitten haben beide. Als Mateso seine Frau am Morgen nach ihrer Ermordung im Graben sieht, bricht er zusammen. Zeugen haben Polizisten gesehen, die seine Frau auf dem Heimweg von einem Fest aufgehalten haben. Es war Nacht. Zu spät um seit der Krise noch zu Fuss in Bujumbura unterwegs zu sein. Sie wollte ihn nicht zu Hause warten lassen, ihr Telefon mit leerer Batterie. Dann hörte man sie in die Nacht hinein rufen. Sie sei nicht aus diesem Quartier, stelle sich nicht gegen die regierende Partei. Schüsse. “Ich bin am Ende meines Lebens und ich bin am Ende meiner Kraft“, so Mateso.

Ein neuer Tag: 06.03 Uhr – Eine Mutter ruft ihre jüngste Tochter an. Auch sie hat in der Nacht die Schüsse aus dem Kanyosha Quartier gehört. Der Verkäufer Léon Hakizimana – und seine Zwillingssöhne werden im Morgengrauen tot im Strassengraben gefunden.

“Bienvenue“ – Willkommen lässt sich in geschwungener Schrift unter dem roten Staub erkennen. Bujumbura, Burundis Hauptstadt am Nordzipfel des Tanganjika-Sees wirkt verlassen. Zahlreiche Ferienresidenzen, auch der ’Bora-Bora Beach Club’, haben seit Wochen keine Besucher mehr. Kinder haben im Staub begonnen Strichmännchen zu zeichnen. Das Leben in der Stadt hält den Atem an. Über 200’000 Flüchtlinge haben sich seit diesem April im nahen Ausland – Tansania, Ruanda und Demokratische Republik Kongo registrieren lassen. Wer heute noch in den Aussenquartieren der Stadt lebt, konnte sich die Flucht nicht leisten oder wollte sein Zuhause aus Angst vor Plünderer nicht verlassen.

Einer der ging ist Gilbert, 21. Er hat Bujumbura am Morgen des 12. Novembers verlassen und ist vier Tage später im Flüchtlingslager von Lusenda – Demokratische Republik Kongo angekommen. In der Nacht zuvor haben Mitglieder von ’Imbonerakure’, die Jugendorganisation von Burundis Regierungspartei, in seinem Quartier nach ihm gesucht: „Sie zeigten allen in meiner Strasse ein Foto, das mich im Juli während den Demonstrationen gegen Präsident Nkurunzizas dritte Amtszeit zeigte. Meine Schwägerin konnte mich zum Glück mit einem SMS warnen.“ Gilbert erreicht die Flüchtlingszelte Lusendas in den Hügeln des Ost-Kongos nach rund 48 Stunden Fussmarsch. Die 3’229 hier untergebrachten Männer, Frauen und Kinder nennt er seine neue Familie. Die Angst, dass auch die ’Imbonerakure’ bald den Weg ins grenznahe Lusenda findet, lässt ihn nicht ruhig schlafen.

Im ’Ministerium für Information, Kommunikation, Parlamentsbeziehungen und Regierungssprecher’ unterstreicht der Präsidentensprecher Willy Nyamitwe dass die ehemaligen Demonstranten heute bewaffnet sind. Er spricht von Terrorismus. Gilbert kennt er nicht.

Ein neuer Tag: 05.57 Uhr – Eine Mutter ruft ihre jüngste Tochter an. Auch sie hat in der Nacht die Schüsse aus dem Mutakura Quartier gehört. Der Sohn des geflüchteten Menschenrechtlers Pierre Clave Mbonimpa –Welly Nzitonda wird mit Kopfschuss auf der Strasse gefunden. Nur wenige Stunden zuvor war er von der Polizei verhaftet worden.

Die drei Jungs von der bewaffneten Bürgerwehr im Quartier Musaga können älter wie 22 nicht sein. Ihre Namen halten sie geheim, ihre Wut nicht. „Wir werden bis zum bitteren Ende gegen Präsident Nkurunziza aufstehen. Wenn er mich umbringt, wird mein Bruder an meiner Stelle weiterkämpfen“, erklärt einer von ihnen. Er ist der Älteste der drei, trägt militärgrün. An seinem linken Arm ist kleines Armmesser befestigt. Immer wieder blickt er nervös und gejagt um sich. Der Geheimdienst der Regierung kann überall sein.

Die drei haben miterlebt wie Familien geflohen sind, wie die Polizei ihre Freunde Nacht für Nacht aufgrund ihrer Proteste gegen die dritte Amtszeit des Präsidenten verhaftet haben. Viele von ihnen tauchten nie wieder auf. „Nun verteidigen wir unser Quartier gegen die Polizei, gegen den Präsidenten und seine Unterstützer – auch bewaffnet“, so der Anführer. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die nun auch vermehrt auftauchenden Leichen von Polizisten und Regierungsvertretern sind übel zugerichtet. Ein Spiegel dieser Wut.

Ein neuer Tag: 06.05 Uhr – Eine Mutter ruft ihre jüngste Tochter an. Auch nach dem zwölften Klingeln geht im Cibitoke Quartier niemand ans Telefon.

Am Montag, 30. November wendet sich UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon in einem Brief mit drei Vorschlägen für Burundis aktuelle Lage an den UN-Sicherheitsrat. Von Blauhelmtruppen ist die Rede. Auf dem Markt in Bujumbura spricht niemand darüber. Auf Hilfe von der internationalen Gemeinschaft hoffen? Hilfe, die vielleicht nie eintrifft? “Gott hat uns vergessen“, sagt Mateso müde. Hoffnung ist ein Spiel mit dem Feuer, auf das er sich nicht mehr einlassen will.

Im ’Ministerium für Information, Kommunikation, Parlamentsbeziehungen und Regierungssprecher’ richtet Willy Nyamitwe ein letztes Mal das Wort an seine Gäste: “Wir hoffen, dass wir den Frieden in Burundi aufrecht erhalten können.“

Die erste Frucht der Unruhen in Bujumbura ist die Ungewissheit. Wann sie gereift ist? Wahrscheinlich früher als gedacht. Wer sie pflückt? Rund 10 Millionen Burundier.

Eine Version des Artikels erschien in der Tageswoche. 

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