Whistleblowing: Heldentum oder Verrat?

Sie heissen Snowden, Wyler oder Zopfi – die Whistleblower der letzten Jahre. Durch ihre Enthüllungen haben sie öffentlich auf Missstände innerhalb ihres Arbeitsumfelds hingewiesen. Ein Schritt, der alle involvierte Personen vor grosse Herausforderungen stellt.

Die Frage, ob jemand als Held gefeiert oder als Verräter verurteilt wird, hängt stark mit dem Umstand zusammen, welchen juristischen Standpunkt der Beurteiler einnimmt. Ein Konflikt entsteht da, wo die Verschwiegenheits- und Loyalitätspflicht gegenüber dem Unternehmen vertraglich geregelt sind. Wird dagegen verstossen, ist dies juristisch gesehen Verrat. Demgegenüber steht die im Schweizer Grundgesetz verankerte Meinungsäusserungsfreiheit – ein Eckpfeiler der Demokratie. Ohne sie wäre eine kritische Meinungsbildung und somit das Aufrechterhalten des demokratischen Systems nicht möglich. Welches Recht dabei schwerer wiegt, hängt vom jeweiligen Fall ab.

Das Gewissen im Krieg

Nach dem Sozialökonomen Thomas Faust „würden nicht wenige Whistleblower ihre Aktion wiederholen, da sie anderenfalls mit ihrem Gewissen nicht ins Reine gekommen wären“. Das eigene Gewissen ist bei Whistleblowern jedoch häufig zweigeteilt. Wer Unrechtmässigkeiten am Arbeitsplatz entdeckt, muss abwägen, wem gegenüber Verantwortung getragen wird: Gilt die Loyalität dem Arbeitgeber und dem bestehenden Vertrauensverhältnis oder der persönlichen Ideologie und Überzeugung? Dabei spielt eine tragende Rolle, ob jemand dazu bereit ist, für die persönlichen ethischen Überzeugungen Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, wie beispielsweise den Vorwurf des Loyalitätsbruchs, eine allfällige Kündigung oder im Extremfall auch rechtliche Konsequenzen.

Redeverbot für Whistleblower

Wo das Aufdecken von Missständen und wo der Vertrauensmissbrauch beginnt, ist in der Gesetzgebung nicht trennscharf geregelt. In der Politik herrscht darüber alles andere als Einigkeit: So stimmte der Ständerat im September letzten Jahres einer Vorlage des Bundesrates zu, die eine direkte Information der Öffentlichkeit über aufgedeckte Missstände verbieten würde. Stattdessen wurde eine Melde-Kaskade vorgeschlagen. Erste Anlaufstelle wäre dann das Unternehmen selbst. Erst bei ungenügender Reaktion dürfte sich der Arbeitnehmer an die Behörde wenden. Mit dem Missstand direkt an die Öffentlichkeit zu treten, wäre nicht zulässig. Zu Recht bezeichnete der SP-Ständerat Paul Rechsteiner die Vorlage als „hyperbürokatisch“ und „misslungen“. Der Nationalrat stimmte Rechtsteiner zu und wies im November die Vorlage an den Bundesrat zur Verbesserung und Vereinfachung zurück.

Whistleblower sind und bleiben wichtig für die Schweizer Demokratie. Ihre Enthüllungen helfen, unethische und illegale Taten aufzudecken und so die Demokratie, unsere Gesellschaft und die Wirtschaft zu stärken. Jedoch sollten klare gesetzliche Regelungen und Bestimmungen eingeführt werden, die den Arbeitnehmer besser schützen, statt ihn in Bürokratie zu ertränken.

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