“Filmen verboten!”

In einem viermonatigen Praktikum in Bukavu, im Süden der Demokratischen Republik Kongo, lernte ich den harschen Alltag afrikanischer Journalisten kennen. Trotz Einschüchterungen und Drohungen denken sie nicht daran, den Kampf für die Pressefreiheit aufzugeben.

Mein Herz schlug in einem Tempo, das sonst nur der Morgen-Wecker auszulösen vermag, als der Herr vom Kongolesischen Militär mir seine AK-47 an die Brust setzte.

Aus seinem französischen Gebrüll war allmählich zu entnehmen, dass er wohl die Speicherkarte meiner Kamera wollte. Langsam dämmerte mir, dass ich es wohl schon zum zweiten Male seit meiner Ankunft geschafft hatte, versehentlich eine Militärkaserne zu fotografieren. Nun ist es ja nicht so, als wüsste ich nicht, dass dies verboten ist. Die Schwierigkeit liegt eher darin, in einer heruntergekommenen Häuserreihe festzustellen, welche Gebäude nun Militärstützpunkte darstellten und welche nicht.

Dass es um die Pressefreiheit in der «Demokratischen» Republik Kongo nicht so gut bestellt ist, zeigt ein Blick auf die Rangliste der Organisation «Reporter ohne Grenzen», die das Land gerade einmal auf Platz 151 von 180 einstuft. Was eine solche Rangierung für den Alltag der Journalisten bedeutet, wurde mir dann aber erst vor Ort richtig bewusst. In meiner ersten Praktikumswoche erzählte mir ein Journalistenkollege – Papa Jean Baptiste – wie er letzten Monat verprügelt wurde, als er versuchte, einen Korruptionsskandal in seiner Heimatstadt aufzudecken.

Als ich ihn naiv fragte, ob er diesen Vorfall denn der Polizei gemeldet habe, hat er nur geschmunzelt. Einer solchen Zeitverschwendung gehe er nicht mehr nach. In  seinem Kollegenkreis kam es in den letzten Jahren zu mehreren Übergriffen, die Polizei habe aber bis heute keinen einzigen Fall aufgeklärt. Dies obwohl die Täter teilweise namentlich bekannt waren.

Zwar wäre laut Verfassung ein fairer, unabhängiger Journalismus garantiert. In Realität wird die Medienlandschaft aber weiterhin von korrupten Politikern dominiert, welche Reporter, die nach ihren Einschätzungen nicht angemessen berichten, verfolgen –oftmals werden sie für einige Monate weggesperrt und im schlimmsten Fall gar umgebracht.

Neben den Bedrängungen gibt es auch zu wenig gute Ausbildungsplätze. In meiner Praktikumsorganisation (AFEM/SK) besuchte beispielsweise keine der 6 Journalistinnen eine Journalistenschule. Die einzig Solche befindet sich in Kinshasa, also 2490 km entfernt. Was leidet ist die Qualität der Berichterstattung. Glücklicherweise springen hier Organisationen wie die Deutsche Welle Akademie und Free Press Unlimited in die Bresche und bilden Nachwuchsjournalisten aus.

Eine letzte Herausforderung ist ganz praktischer Natur: Viele Gebiete sind nicht oder ungenügend mit Elektrizität versorgt. Was das für den Alltag bedeutet, habe ich mit Jean Baptiste auf unserer letzten gemeinsamen Pressereise gesehen. Die Bilder, die wir zu unserem Bericht geschossen hatten, konnten wir erst zwei Tage zu spät, also nach Rückkehr in eine Grossstadt, Bukavu, liefern. Von seiner amerikanische Newsagentur gab es dafür kein Verständnis und eine Veröffentlichung kam somit nicht zustande. Wohl bemerkt, wir berichteten über ein Massaker in einem Dorf, bei dem 15 Personen ums Leben kamen.

Die Journalistinnen und Journalisten werden den Kampf um die Pressefreiheit auch in Zukunft weiterkämpfen. Ich bewundere ihren Einsatz, ihre Leidenschaft und ihr Wille, mit dem sie dem Tagesgeschäft nachgehen. Für mich sind sie wahren Helden und ein Vorbild, dem ich nacheifern möchte.

Der Soldat liess sich übrigens nach meinem Fauxpas mit ein paar Dollarscheinen wieder beruhigen. Meine Speicherkarte hat er sich dann doch gekrallt – als Erinnerung an die «Weisse».

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Kongo – eine Geschichte (2010)

David Van Reybrouck lässt in diesem Werk Hunderte von Kongolesen die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo erzählen und vergleicht diese mit Erkenntnissen aus der Geschichtsforschung. Was herauskommt, sind Lebensgeschichten, die einem das Land in allen seinen Facetten näher bringt. Hier sprechen Kindersoldaten offen über ihre Entscheidungen und ihre Leiden. Über 100jährige berichten darüber darüber, was es heisst, in einem Land aufzuwachsen, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung auf 55 Jahre gesunken ist. Glaub mir, es ist das beste Afrikabuch der letzten Jahre.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der 88. Ausgabe des Brainstorm-Magazins. 

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