„Ne t’inquiète pas!“

„Sei unbesorgt!“ –  Dies der wiederkehrende Zuspruch meines Fahrers Eddy, als das doch schon etwas in die Jahre gekommene Yamaha-Motorrad über die Feldwege brauste. Bei jedem Schlagloch gruben sich meine Fingernägel ein bisschen fester in seinen Bauch. Seit zwei Tagen waren wir nun schon in den Wäldern Shabundas unterwegs, einer abgelegenen Gegend der Provinz Süd-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo.

Die Abgeschiedenheit der Region wird verstärkt durch das Fehlen von Telefonnetz, Elektrizität, fliessendem Wasser und unzureichender Nahrung und dies obwohl oder vielleicht gerade weil die Erde hier unendlich reich an Kassiterit, Coltan, Gold und anderen Mineralien ist. Die Bauern in der Gegend bauen in dem Dschungelgebiet nur noch wenig an. Zu oft wurden sie nach der Ernte von Rebellen-Gruppen beraubt.

Das will ich sehen

Es war in meinem 2. Semester am IAM, als Hansjörg Enz in einer Vorlesung von seinem Aufenthalt im Kongo berichtet hatte. Sofort wusste ich: „Das will ich sehen.“ Schon lange träumte ich von einem Besuch in der DRK, da mein Onkel an jedem Weihnachtsfest die unglaublichsten Geschichten von seiner 30-jährigen Arbeit als Mönch in Kinshasa auspackt. Das Praxissemester bot nun die perfekten Voraussetzungen dafür.

“It was the best of times, it was the worst of times…”

So kam es, dass ich dann nach zwei Tagesreisen in dieser Lehmhütte im Nirgendwo stand. Mit zwei Begleitpersonen meiner Praktikumsorganisation (AFEM) sollten wir hier zwanzig Frauen unterrichten, was Menschenrechtsverletzungen sind und wie sie diese an die Organisation melden können. Unter den Kursbesucherinnen waren Frauen wie Mama Nadine, die während des zweiten Kongokriegs schwanger 375 km durch den Wald in die Hauptstadt der Provinz geflohen ist. Dies um dort ein Kind zu gebären, das sechs Tage nach der Geburt starb. Es wog zu diesem Zeitpunkt 1,2 kg.

In Dickens Worten gesagt: „It was the best of times, it was the worst of times…“. Während meinen vier Monaten bin ich an meine körperlichen und psychischen Grenzen gekommen. Aber die Begegnungen mit diesen zwanzig Frauen haben mich eine Liebe und eine Freude am Leben erfahren lassen, die mir so bisher fremd war.

In diesem Sinne entlasse ich euch mit meinem neuen Lebensmotto: „Ne t’inquiète pas!“

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf der IAM-Website. 

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