Das Buch erleidet Schiffbruch – Behält die Bildung Oberwasser?

Ave, Internet, die Todgeweihten grüssen dich. – So klingt es derweilen aus allen Ecken der Welt. Das gebundene Buch blickt dem Tod ins Gesicht. Doch es besteht kein Grund zur Sorge. 

Wer heutzutage den Weg in eine altehrwürdige Bibliothek findet, ist wahrscheinlich weniger auf der Suche nach neuem Schriftgut als nach einem ruhigen Arbeitsplatz. Die mächtigen Gebäude gleichen Ruinen, denen man mit einer gewissen Ehrfurcht und einem Hauch Nostalgie begegnet. Sie sind Zeitzeugen dafür, dass das Buch seinem Untergang geweiht ist. Aber schwindet mit dem Medium auch die zeitgemässe Bildung? Der Medientheoretiker Michael Giesecke beschreibt in seinem Buch «Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft» diese Befürchtung wie folgt: «Ohne dieses Medium keine allgemeine Schulpflicht, keine Aufklärung, (…) keine Wissenschaft, die nach allgemeinen Wahrheiten sucht.»

Ist jeder ein Intellektueller?

Die Texte, Diskurse und das Erbe der Aufklärung scheinen in Gefahr. Hinter Gieseckes Angst vor dem Untergang der Bildung steht wohl in erster Linie die Beobachtung, dass in Online-Texten intertextuelle Bezüge fehlen. Da es in einer globalvernetzten Welt praktisch keine gemeinsamen Anknüpfungspunkte mehr gibt, werden solche auch nicht kreiert. Vom Rezipienten wird gar nicht mehr erwartet, dass er die Beziehung zwischen Texten erkennt und diese bei dem Verstehen des Textes beachtet. Da Intertextualität und das damit verknüpfte Vorwissen wegfallen, kann sich jeder Willige an den Online-Diskursen beteiligen. Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas geht in seiner Dankesrede anlässlich des Bruno-Kreisky-Preises sogar so weit, dass er einen Egalitarismus beschreibt, in dem Beiträge von Intellektuellen die Kraft verlieren, untergehen und keinen Fokus mehr zu bilden vermögen. Ironischerweise wurde gerade diese Dankesrede in Internetforen breit gestreut und hat so den Zugang zu einer grossen Leserschaft gefunden.

Lieber surfen statt lesen

Das Netz kennt die Idee der Begrenzung eines Textes mit einem klaren Anfang und einem Schluss nicht, da diese nicht wie beim Buch von zwei Deckeln vorgegeben wird. Wer sich im Web versucht weiterzubilden, befindet sich schnell einmal auf einer Hyperlink-Reise in die Tiefen des Netzes der Netze. Gegner des Internets betonen, dass diese fehlende Begrenzung das Abschweifen der Gedanken fördert. Zu schnell ist man auf einer neuen Webseite, zu schnell beschäftigen neue Thematiken. Dies führt dazu, dass der Leser weniger konzentriert bei der Sache ist, sich nicht vertieft mit den dargestellten Inhalten auseinandersetzt und sich somit nur selten in einer Thematik wirklich verliert.

Das Buch stösst an Grenzen

Doch ist das Buch wirklich der Beschützer des Wissens und somit der Aufklärung? Es besteht die Gefahr, dass in dem Diskurs über die Allmächtigkeit des Buches die Nachteile dieses Mediums vergessen werden. Giesecke liegt falsch: Aufklärung hat weder mit dem Buch begonnen noch wird sie mit ihm untergehen. Die griechischen Tragödien entstanden ohne Hilfe von Bücher oder der Schrift. Sokrates sprach sogar davon, dass Schreiben schädlich für die Bildung sei. Dies hat seinen guten Grund. Das Buch spricht einzig und allein den visuellen Sinn an. Während die anderen Sinne zu kurz kommen, baute die Gesellschaft ein Bildungssystem um die Schrift und das Schriftbild herum. Aber genau hier liegt das Problem, denn ein Buch kann nur jenes Wissen vermitteln, welches in Worte übersetzt werden kann. Somit spricht das schriftliche Wissen nur die linke Gehirnhälfte an, während Gefühle, Intuition und Kreativität nicht zum Zuge kommen. Auch hinter diesen Fähigkeiten und diesen Sinnen verbirgt sich Wissen, welches wir uns nun durch das Auflösen des starren Buchrasters im Netz neu aneignen können.

Ferner bietet das Internet auch die Chance, sich direkt über neu gewonnenes Wissen auszutauschen. Diese direkte Art von Feedback, von Nachfrage und von Austausch sind während der Buchlektüre nur beschränkt möglich. Den Informationsgehalt, das Wissen aus den Büchern, muss man sich mehrheitlich alleine aneignen. Niemandem kommt es beispielsweise in den Sinn, seiner Familie am Mittagstisch eine wissenschaftliche Abhandlung über die Périgord-Trüffel vorzulesen und anschliessend darüber zu diskutieren.

Der Inhalt, nicht das Medium, ist entscheidend

Natürlich bringt das neue Medium Herausforderungen mit sich. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno fassen in ihrer «Dialektik der Aufklärung» die Gefahr des Fortschritts zusammen. Jede Neuerung birgt in sich den Keim eines Rückschritts. Anders formuliert bringt jedes neue Licht auch neue Schatten mit sich. Diese Gefahr ist unabhängig vom Medium, aber abhängig vom Inhalt, den dieses überträgt. Das aufklärerische Gedankengut muss somit der Massstab bleiben, nur so wird Bildung in der Fortschrittlichkeit des Internets seinen Platz finden.

Wissen ist, was man daraus macht

Es lohnt sich einen kurzen Blick in die Welt des Fernsehens zu werfen. Der grosse Bruder des Internets bringt folgende Erkenntnis ans Licht. «Fernsehen macht die Dummen dümmer und die Klugen klüger.» Mit diesen Worten fasst Showmaster Günther Jauch die Gefahren des Mediums zusammen. Das gilt auf jeden Fall auch für das Internet. Wer sich in den Wirren des digitalen Netzes zu Tode amüsiert oder sich nur Pseudowissen aneignet, der wird dabei keinen oder falschen Wissenszuwachs gewinnen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk warnt in seinem Essay «Kritik der zynischen Vernunft» klar von dieser falschen Erkenntnis, von dieser falschen Nutzung und nennt sie zynisch. «Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein. Es ist das modernisierte unglückliche Bewusstsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat.» Das Netz birgt die Gefahr, dass die Fülle von vorhandenem Wissen ein Gefühl von Ohnmacht auslöst, welches den Nutzer passiv, ja eben sogar zynisch macht. Aber es wäre vermessen zu argumentieren, dass diese Haltung im Zusammenhang mit dem Mediumwechsel vom Buch zum Internet steht. Zyniker gab es vorher, gibt es jetzt und wird es immer geben. Auch Pseudowissen gab es vor dem Netz schon, man denke nur einmal an die Fernsehsendung Jeopardy oder die Erfolgswelle des seit 1931 beliebten Kreuzworträtsels.

Das Buch geht, die Aufklärung bleibt

Es ist wichtig zu unterstreichen, dass Bildung nicht vom jeweiligen Medium abhängig ist, sondern davon wie die heutige Generation die hehren Ansprüche Immanuel Kants umsetzt: «Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»

Dieser Artikel ist im Rahmen einer am IAM gestellten Hausaufgabe im Fach Deutsch3 entstanden. 

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